Von der Verlassenheit

Von Karl-Otto Scholz | Sonntag, 30. März 2014

Der Alte Fritz, Bodemuseum

Der Alte Fritz, Bodemuseum von christiane wilke

Über den Krieg wird in der Kirche nicht oft gesprochen. Es ist auch kein Thema, dessen man sich herzlich rühmen könnte. Der Krieg kennt in der Regel nur Verlierer. Der Krieg ist ein grausamer Gleichmacher – besser gesagt: der Tod ist es. Was sollte man Gott zu Gehör bringen als die Klage über zu viel Krieg, der das Leben zerstört, die Familien auseinander reißt, verbrannte Erde hinterlässt. Und doch: selbst in Friedenszeiten wie diesen, in denen man sich glücklich schätzen sollte, zu leben, selbst in diesen Zeiten ist es manchmal angebracht, des Krieges zu gedenken, oder besser: des Frieden Haltens. Warum? – Weil die tiefsten menschlichen Gefühle wie Angst und Verlassenheit, Liebe und Solidarität darin hervortreten.

Wenn man von einem der Gründer Preußens erzählt, von Friedrich II. – auch Friedrich der Große oder der Alte Fritz genannt – dann muss man von seiner Verlassenheit erzählen, von seiner Verlassenheit auf dem Schlachtfeld. In Kunersdorf, einem kleinen Dörfchen im heutigen Polen, war der Krieg, den er vom Zaun gebrochen hatte – mutwillig, übermütig, uneingedenk der vielen Opfer, die er fordern sollte – für Friedrich II. eigentlich verloren. Gegen eine große Übermacht der Österreicher und Russen konnten seine 50.000 Soldaten nichts ausrichten. Am Ende des 12. August 1759 waren ihm 20.000 Mann gefallen oder schwer verwundet, 26.000 Mann waren unter den Attacken der Gegner versprengt und der preußische König hatte nur noch 3000 Mann um sich herum. Er hatte ein ganzes Land in den Ruin getrieben, Menschenleben geopfert und die Krone verspielt – so schien es ihm. Er dachte an Selbstmord und übergab den Oberbefehl an seinen Bruder.
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Europa muss sich neu definieren

Von Karl-Otto Scholz | Dienstag, 25. März 2014

Der Ukraine-Konflikt passt irgendwie nicht in die erwarteten Krisenszenarien der letzten Jahre.  Darum hat es jede moderne (auch christliche) Friedensethik schwer, hier Urteile zu fällen. Es handelt sich nämlich nicht um eine Auseinandersetzung an ethnischer oder kultureller Bruchlinie, denn Russen und Ukrainer sprechen fast dieselbe Sprache, haben lange gemeinsame Geschichte, haben im 2. Weltkrieg Seite an Seite gekämpft. Es ist auch kein Kampf eines reichen Nordstaates gegen einen armen Süd-Underdog, sondern eher ein Abstecken von Einflusssphären, überwiegend einem militärpolitischen Kalkül geschuldet. Russland braucht einen Hafen im Schwarzen Meer, um seine geostrategische Rolle, in der es sich sieht, ausüben zu können. Alle vaterländische Jubelpropaganda täuscht nur darüber hinweg.

Andererseits liegt es auf der Hand, in den politischen Handlungen Präsident Putins einen Reflex auf den Zerfall der Sowjetunion zu sehen. Es ist in der Weltgeschichte kein Einzelfall, dass mit einer Generation Verspätung alte Rechnungen beglichen werden. Aber: ist Putin ein Revanchist? Will er sich für Russland nur zurück holen, was in der kurzen Ägide Michail Gorbatschows verloren ging?
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Schirm über Europa – eine gemeinsame EU-Armee?

Von Karl-Otto Scholz | Samstag, 22. März 2014

Russlands Präsident Putin schafft Fakten auf der Krim, zieht neue Grenzen und fordert die paralysiert wirkenden Westeuropäer heraus. Nun aber erhebt sich eine Stimme, und es scheint sich dabei nicht um billigen Wahlkampf zu handeln: Jean-Claude Juncker, der luxemburgische Spitzenkandidat der Europäischen Volkspartei für das Amt des Kommissionspräsidenten, fordert den Aufbau einer europäischen Armee.

Hinter dieser Forderung verbirgt sich natürlich die Idee einer gänzlich neuen Sicherheitsarchitektur der EU. Die bisher einseitig auf Wirtschaft (und die Rettung des Euro) fokussierte Zweckgemeinschaft bekäme neue Organellen, würde in Außen- und Verteidigungspolitik handlungsfähiger.  Die Attraktion eines Bundesstaates Europa würde womöglich wachsen, was mit einem Machtverlust der bisherigen Platzhirsche Deutschland, Frankreich und Groß Britannien einherginge. Aber das kann den so genannten „Kleinen“ in der EU nur recht sein.

Putin soll mehrfach auf die westliche Zurückweisung seiner Wünsche nach stärkerer Integration Russlands in ein gemeinsames Europa hingewiesen haben. Insofern ist die Annektion der Krim vielleicht auch sein Warnschuss in Richtung Brüssel, in der Sicherheitspolitik Europas  nicht weiter vor sich hin zu wurschteln, sondern Russland stärker zu konsultieren.
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2014 – ein Wiedergänger von 1914?

Von Karl-Otto Scholz | Montag, 17. März 2014

Der Kalender für das Jahr 2014 ist eigentlich voll, und es bedurfte keiner Tagespolitik, die uns die Augen öffnet. So sehr haben uns die Zahlen 1 – 9 – 1 – 4  im Griff. Hundert Jahre ist es her, dass Europas Nationalstaaten zu den Fahnen riefen. Eine gewaltige Kriegseuphorie herrschte in den Straßen der Hauptstädte Berlin und Paris und Rom und Wien. Nur ganz wenige erhoben ihre mahnende Stimme dagegen. Wir wissen, wohin das führte: in die Niederlage des deutschen Kaiserreiches, die Dolchstoßlegenden der paramilitärischen Nationalisten und in den Aufstieg der Nationalsozialisten unter Hitler. Niemals wieder – hat man sich nach 1945 geschworen. Kein Krieg mehr in Europa.

Und nun das. Putin besetzt widerrechtlich die Krim, lässt Wahlen unter massiver Militärpräsenz abhalten, lässt sich von der Mehrheit (war es eine?) bescheinigen, dass die Krim nun zu Russland gehört. Polen und das Baltikum zittern – wieder einmal. Die Ukraine, ein Land in den Geburtswehen ungekannter Freiheit, wird beraubt. Früher wussten wir gar nicht, ob es zwischen Russen und Ukrainern Unterschiede gibt, nun wissen wir es. Und die ehemaligen Waffenbrüder gegen Hitler werden wohl nie mehr vergessen, was nach der Winterolympiade in Sotschi auf der Krim geschah – hier russische Elitetruppen in Kampfausrüstung ohne Hoheitszeichen – dort in ihren Kasernen eingeschlossene ukrainische Rekruten mit veralteten Gewehren. Auf den Fotos sieht man ihre Ohnmacht – sie können einem leidtun.

Manche Kommentatoren  (solche, die auf der Gehaltsliste von GAZPROM stehen) meinen, Europa habe selber Schuld an dem Krim-Debakel, weil es der Ukraine in den Tagen der Janukowitsch-Vertreibung falsche Versprechungen gemacht habe. Andere (vorzugsweise ausgebürgerte Dissidenten Russlands)  halten das Verhalten Putins für irre und fehlgeleitet. Es bedarf keiner Erinnerungsveranstaltungen an den Ausbruch des 1. Weltkrieges mehr. Die Gegenwart hat alles Erinnern eingeholt. Europa fürchtet wieder das Schlimmste.
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Das Tütü-Projekt

Von Karl-Otto Scholz | Dienstag, 24. Dezember 2013

Das Tütü-Projekt

Ein Mann – fast nackt – in einem Tütü. Füllig um die Hüften, nicht mehr der Jüngste
Lächerlich. Er macht sich zum Affen.

Ein Mann im „rosa“ Tütü. Auch das noch.

Er springt aus einem kleinen Boot ins Meer. Er steht andächtig vor Präsident Lincolns Denkmal im Lincoln Memorial in Washington. Er sitzt am Ufer eines Sees. Er läuft durch ein grünes Weizenfeld auf einen Regenbogen zu. Die Bilder, die man von diesem Mann im Tütü gemacht hat, sind nachdenkliche Bilder. Und das Schmunzeln über diesen verrückten Mann verschwindet mit der Zeit. Warum macht er das? Er heißt übrigens Bob. Und sie kennen ihn alle wahrscheinlich aus einem Werbespot der Deutschen Telekom.

Warum macht Bob das? Er tut dies für Linda, seine Frau. So erfahren wir im Film über ihn und sein „Tütü-Projekt“. Man weiß nicht ob man lachen oder weinen soll: er tut es, damit seine Frau, die brustkrebskrank ist, wieder lachen kann. Und viele andere Frauen, die in gleicher Weise erkrankt sind.
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Demokratisierungsschub oder Abgleiten in die Cyber-Diktatur?

Von Karl-Otto Scholz | Freitag, 22. November 2013

Im Kino läuft gerade “Tribute von Panem 2″. Es ist die erschreckende Zukunftsvision einer totalitären Welt, in der das Einzelschicksal nichts mehr zählt. Kameras überwachen alles. Gesichtslose Soldatenmarionetten drangsalieren verarmte Menschen. In gewaltigen Arenen (das alte Rom blitzt durch alle Kulissen) hetzt man Kämpfer aufeinander, bevorzugt solche, die eines Aufstands verdächtig sind. Interessant zu sehen, wie Hollywood immer wieder die Zukunft Amerikas extrapoliert. Warum aber ist diese Zukunft so düster? Wovor hat dieses starke, große Amerika so viel Angst? Ist es womöglich die Furcht vor der eigenen innewohnenden Kraft zur Destruktion?  Sinner and Saint – weiß es darum, dass der Weg offen ist, hier zur freien Gesellschaft, dort zur Diktatur?

Eric Schmidt, einer der führenden Leute bei GOOGLE, sprach am Mittwoch in einer Lecture an der Johns Hopkins Universität in Washington D.C. über die Zukunft des Internet. In zehn Jahre erwarte er dank fortgeschrittener Verschlüsselungstechnik einen Demokratisierungsschub für die Welt. Jeder gewöhnliche Internetnutzer könne sich dann so verschlüsseln und unsichtbar machen, dass selbst die NSA sich die Zähne ausbeißt. Was aber, wenn der deutsche, englische oder US-amerikanische Staat die Herausgabe der Schlüsselsequenzen verlangt?
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Es hat sich etwas angestaut

Von Karl-Otto Scholz | Freitag, 8. November 2013

Es hat sich etwas angestaut. Anders lassen sich die erschreckenden Zahlen nicht deuten:

Die Tagesschau berichtet: “In Köln kehrten im Oktober 571 Menschen der Kirche den Rücken. Das sei ein Spitzenwert in den vergangenen Jahren, sagte der Sprecher des Amtsgerichts, Marcus Strunk. Auch die Zahl der Austritte aus der evangelischen Kirche stieg um knapp 80 Prozent auf 228.”

Dass eine Weltanschauungssache wie der persönliche Glaube an Gott und die Lehren Jesu mit Gebäuden, Funktionären und Budgets zusammenhänge – das erschließt sich im Augenblick nicht mehr allen. Da kommt der “Fall Limburg”, der unterschwellige Ressentiments zu bedienen scheint, gerade recht, das konfessionelle Weite zu suchen.

“Kirche ist reich. Kirche macht Brimborium. Kirche lässt sich nicht in die Karten schauen. Kirche herrscht hierarchisch. Kirche ist korrupt.” – Alle Klischées kommen in der öffentlichen Diskussion vor, trotz Papst Franziskus, der persönliche Bescheidenheit predigt und vorlebt.
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Das allsehende Auge der Drohne

Von Karl-Otto Scholz | Dienstag, 29. Oktober 2013

Samstags immer konnte man sie auf abgeernteten Feldern sehen: Väter und Söhne, die sich dem Hobby des Flugzeugmodellbaus verschrieben hatten. Hier wurden sie ausprobiert – die fliegenden Kisten mit Fernsteuerung. Manche hatten sogar Rotoren und flogen senkrecht.

Sie haben Karriere gemacht. Die fliegenden Kisten ohne die tollkühnen Männer. Denn Menschen braucht es nicht mehr, schon lange nicht mehr. Das Militär hat sie seit einigen Jahren für sich entdeckt. Das hat mehrere Gründe. Unbemannte Luftfahrzeuge sind wesentlich kleiner und leichter als bemannte. Sie können deshalb viel engere Kurven fliegen, sind wendiger, brauchen weniger Sprit, haben große Reichweiten. Und falls sie im Krieg abgeschossen werden, muss keine Familie mehr um ihre Söhne und Töchter trauern.

Den Krieg haben sie revolutioniert. Und sie haben den Himmel in einen Ort des Grauens verwandelt. Aus heiterem Himmel schlagen sie zu, töten Talibankommandeure in Afghanistan oder jemenitische Al-Quaida-Aktivisten im Landrover, verschwinden so schnell wie sie aufgetaucht sind. Manchnmal treffen sie auch Unbeteiligte – wie Amnesty International kürzlich beklagte.
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Der kalte Krieg ist zurück

Von Karl-Otto Scholz | Montag, 28. Oktober 2013

Jeden zweiten Sonntag fuhren wir in den Harz – an die innerdeutsche Grenze. Dass dies die innerdeutsche Grenze war, wusste ich damals noch nicht, ein kleiner Junge hinten im Auto, der lieber mit den Freunden Fußball gespielt hätte. Aber eine magische Faszination trieb Vater und Mutter immer wieder, dorthin zu fahren, wo sie in den Westen geflüchtet waren. Und der Junge sollte eben mit, sollte sich anschauen, was die Weltgeschichte aus einem Land gemacht hatte: ein geteiltes Land, in dem Menschen erschossen wurden, wenn sie zu fliehen versuchten. In Hohegeiß machten wir halt und schauten hinüber in den Osten. Von der anderen Seite blickten fernglasbewehrte Soldaten der NVA zurück. Es war 1968. Es war kalter Krieg. Hier der freie Westen – dort der der unfreie Osten. Dazwischen Minen und Stacheldraht. Seit 1989 ist die Wunde verheilt. Die Natur hat sich den Minenstreifen zurückgeholt. Nichts mehr deutet hin auf die Zeiten politischer Kälte und militärischer Imponiergesten.

Aber wieder kriecht der Schrecken des kalten Krieges den Menschen den Nacken hoch.
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Ruhe sanft.

Von Karl-Otto Scholz | Samstag, 26. Oktober 2013

Düsteren Schrittes geht die Gemeinde hinter dem Sarg. Sie sind in sich gekehrt. Sie denken darüber nach, was ihnen verloren gegangen ist. Manch einer hat sie besonders gut gekannt, hatte viel auf sie gegeben, hätte sie mit allen Argumenten verteidigt, wenn dies nötig gewesen wäre. Vor einigen Wochen war sie doch noch munter und lebendig gewesen. Nun aber – fast über Nacht, ist sie gegangen, gestorben, perdu.

Unter einem besonders schönen Baum hält der Zug an. Man lässt den Sarg zu Grabe. Einer spricht noch ein paar schöne Worte – ihr zum Abschied. Irgendwas von “wie sehr sie doch allen fehlen würde”. Und dann treten alle ans Grab, schauen ein letztes Mal hinein und schaufeln etwas Sand hinein. Es poltert. Manche Schulter zuckt unter dem Laut. Besonders Eifrige haben kleine Briefe verfasst, die sie mit hineingeben in die Erde. Auf einigen steht “Wir werden dich vermissen”.
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