Die Einsamkeit des Jeremia

Von Karl-Otto Scholz | Montag, 4. März 2013

HERR, du hast mich überredet und ich habe mich überreden lassen. Du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen; aber ich bin darüber zum Spott geworden täglich, und jedermann verlacht mich. (Jeremia 20,7)

Hingabe, theologisch “Devotion”, ist bei Jeremia nicht etwas Gespieltes, etwas religiös Spielerisches. Nein – die Hingabe an das Wort Gottes ist „Ausgeliefertsein“, ist „Überwundensein“: Alles schwankt zwischen Individualität und Einsamkeit. Da ist jemand erfüllt von Bildern, von Gedanken, von Zukunft, von Schicksal – von Gott. Und er kann sie doch eigentlich mit keinem teilen. Jeremia will immer wieder ausweichen, will die Bilder verscheuchen wie man böse Träume verscheucht – doch Gott lässt ihn nicht. Wie wenn er ihn am Genick gepackt hätte und ihn schüttelt und sagt: du musst es sagen… du musst einfach.

kreuz

Kreuzweg / privat

Marina Zwetajewa - in dem Gedicht „Ich bin ein Blatt für deine Feder“:

Ich bin ein Blatt für deine Feder, Empfange alles. Ich bin ein weißes Blatt.
Ich bin Hüter für dein Gut: Ich zieh es groß und geb es reichlich vermehrt zurück.
Ich bin Dorf und Schwarzerde.
Du bist mir Sonnenstrahl und Regennass.
Herrgott und Gutsherr bist du mir
und ich Bin Schwarzerde dir – und weißes Blatt!

Zwetajewa, eine der bedeutendsten Dichterinnen Russlands, befreundet mit Pasternak und Rilke, ist in der Stalinzeit in Ungnade gefallen, wurde nach Tartarien verbannt und nahm sich dort, den Hungertod vor Augen, 1941 das Leben.
[weiterlesen...]

Kategorie: Allgemein | Kommentar schreiben »

Adieu Erwartungshaltung

Von Karl-Otto Scholz | Freitag, 1. März 2013

Seit zwei Stunden ist der Papst in Ruhestand. Er hat es so gewollt. Er fühlte sich nicht nur dem Vorbild Christi verpflichtet, sondern hat auch seiner müden Seele, seinem hinfälligen Körper Tribut gezollt. Mit 85 Jahren reißt man keine Bäume mehr aus und reformiert auch nicht eine 1,2 Milliarden-Kirche. Das von Benedikt zu erwarten, war Wunschdenken.

Was aber hindert eigentlich eine Reform der römischen Kirche?

Das priesterliche Leben, Kernbestand der katholischen Tradition des späten Mittelalters, zumal nach einem hohen ethischen Standard, wird wie eine Fahne vor den Gläubigen hergetragen. Doch die wissen längst, dass der Zölibat eine hohle Lebensform ist. In den Dörfern regt man sich mehr über den Priestermangel auf, als darüber, wem der Pfarrer in Liebe zugeneigt sein mag. Hinter der Maske strikter öffentlicher Zölibatsforderungen verbirgt sich zuweilen einsames Elend und manchmal auch bigotter Sexismus – Kardinal O´Brian lässt grüßen. Merkwürdig, wie manche, die sich in Priesterseminaren unter Ausnutzung ihrer Machtstellung an Zöglingen vergreifen, in Amt und Würden die Homosexualität verteufeln.

Die historisch überholten und im gesellschaftlichen Diskurs sperrigen Vorstellungen von den Geschlechterrollen werden nicht konsequent hinterfragt. Man möchte einer weltweiten Kirche die kulturverändernde Debatte darüber ersparen. Was in Deutschland modern klingt, ist vielleicht in Tansania oder Brasilien “vom Teufel”. Der kleinste gemeinsame Nenner der Verständigung ist somit das bisher Gültige. Pacta sunt servanda. Man hinterfragt den geltenden Common Sense nicht, weil man den Geist (des “Libertinismus”) fürchtet.
[weiterlesen...]

Kategorie: Allgemein | Kommentar schreiben »

Der Sehnsucht erliegen

Von Karl-Otto Scholz | Montag, 18. Februar 2013

Der Rücktritt des Papstes hat was in Gang gebracht. Wer kommt nach Ratzinger? Besser gefragt: was kommt nach ihm? Denn es scheint immer deutlicher zu werden, dass die so monolithisch scheinende katholische Kirche in einem Transformationsprozess begriffen ist, den sie selbst kaum mehr ideologisch und personal zentriert kontrollieren kann.

Das Erbe Roms ist eine Kultur, die vor 1500 Jahren schlagkräftig und fortschrittlich war: das Rechtssystem, das Stützen auf Städte als Kristallisationskerne der Zivilisation, eine gegenüber dem Wotan- oder Isis-Kult überlegene Ethik, der Korpsgeist der Kleriker, die sich als Armee Gottes gegen das Böse verstanden, nicht zuletzt die von der römischen Armee zurückgelassenen Straßen, die die Vernetzung der christlichen Gemeinschaften über weite Distanz beförderten. Fehlt noch zu sagen die Ausrichtung auf den Einen, der zur Mystifikation des Amtes einlud – auf den Papst.

Aufklärung, Explosion des Wissens, Umwandlung sämtlicher Kultur- und Lebensprozesse unter dem Aspekt der Kapitalisierung und die Postmoderne als grundlegender Skeptizismus gegen jede Form der Ideologie haben die Säulen einer zentralistischen Kirche mit dem Anspruch umfassender Deutungshoheit und Patriarchalismus unterminiert. Was bleibt? Eine globale Bewegung, die nicht mehr genau weiß, wohin sie sich bewegen soll. Die Weltkultur ist schon in säkularen Bezügen eine Chimäre. Unter der Behauptung eines religiösen Wesenskerns wird globalisiertes Denken, wie es der Vatikan bisher betrieb, zum Oktroyismus.

Längst zerfällt die römische Weltkirche in verschiedene Wirklichkeiten mit verschiedenen Zeitsystemen. Europa sehnt sich nach Erlösung aus der ewigen Theodizeedebatte, Amerika nach der religiösen Emotion, China nach Beheimatung im totalen Überstaat, Afrika nach Aufbruch aus Unmündigkeit. Verschiedene Ziele, verschiedene Diskurse, verschiedene Geschwindigkeiten – die Streitigkeiten der Bischöfe der Alten Kirche muten dagegen harmlos an. Aber im Grunde geht es der dem Papst und der Kurie nicht anders als den Institutionen der Uno. Ohnmacht und Erstarrung drohen gegen die Partikularinteressen.

Wer aber führt das Wort gegen die Papst-Kirche? Etwa atheistische Philosophen oder protestantische Ablass-Gegner? Nein – zu Wort kommt der ungebildete Plebejer. Twitter und Facebook befördern eine Mittelmaßkultur, die dem Streit um die Zukunft nicht dienlich ist. Dumpfes “Ich-brauche-die-Kirche-nicht” Gerede ohne Wissen darum, was Kirche sei, macht sich in den Foren breit.

 


[weiterlesen...]

Kategorie: Allgemein | Kommentar schreiben »

Ratzinger hinter den Mauern

Von Karl-Otto Scholz | Montag, 11. Februar 2013

Papst Benedikt ist zurückgetreten. Seine seelischen und körperlichen Kräfte haben für das anspruchsvolle Amt nicht mehr ausgereicht. Er hat die Notbremse gezogen. Dieser Schritt nötigt Achtung ab. Ob man sein päpstliches Lebenswerk achten wird, ist noch nicht ausgemacht, hat er doch die Uhr der Ökumene zurückgedreht, innerkirchliche Dissidenten ins Abseits gedrängt und zugelassen, dass Machtkämpfe und Intrigen den Vatikan erschütterten. Aber als Mensch hat Josef Ratzinger, der deutsche Papst, seinen Ruhestand nach langer rastloser Tätigkeit verdient.

Die überraschende und fast geheimniskrämerische Art und Weise des Rücktritts hat die Weltöffentlichkeit verblüfft und überzeugte Katholiken schockiert. Man hat dicht gehalten, so scheint es. Aber spätestens seit der Ernennung Georg Gänsweins zum Titular-Erzbischof, was einer Versorgung des treuen Papstsekretärs gleichkam, musste man allgemein im Kardinalskollegium und in dem Vatikan nahestehenden Kreisen damit gerechnet haben.

Genau betrachtet hat dieser politische Schritt einer Amtsübergabe auf dem Stuhl Petri seine Tücken. Der katholischen Welt stehen die Sorgenfalten ins Gesicht geschrieben, hat man doch immer noch nicht die Schrecken einer Zeit vergessen, in der mehrere Päpste um Anerkennung kämpften. Der trutzige Papstpalast in Avignon zeugt noch heute davon, dass mancher Papst fern von Rom residieren musste. War es überhaupt der Richtige? Das konnte die mittelalterliche Welt damals nur schwer entscheiden.
[weiterlesen...]

Kategorie: Allgemein | Kommentar schreiben »

Haiku

Von Karl-Otto Scholz | Freitag, 28. Dezember 2012

L'arche de Noé, décembre 1965

Arche

 

kalter wind aus ost

sarg im wasser – die arche

schwimmt zum hoffnungsort

 

 

Kategorie: Allgemein | Kommentar schreiben »

Der Fetzen der Gnade

Von Karl-Otto Scholz | Dienstag, 20. November 2012

Offenbarung 21,3 - Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr.

Ist schon klar – das mit dem neuen Himmel und der neuen Erde ist nicht physikalisch gemeint, und eigentlich auch nicht philosophisch. Denn einen neuen Himmel kann es in dieser Schöpfung nicht geben – in dieser nicht. Und was für eine Philosophie sollte das sein, die sich mit etwas beschäftigt, was den Menschen doch nicht mehr interessieren kann, da es ihn doch, den Vertreter der alten Schöpfung darin nicht gibt, nicht geben kann.

Kloster auf der Klippe

Und dennoch reizt der Gedanke – was wäre wenn? Wenn es viele, sehr viele Himmel gäbe – und nicht nur diesen einen neuen, sondern unendlich, unzählbare viele Himmel, deren Fülle uns überfordert, uns so überfordert, dass wir nicht mehr wüssten in welcher Religion wir das fassen sollten. Was wäre also, wenn es nach dieser Welt und diesem Himmel noch eine andere Welt gäbe und einen anderen Himmel? Was wäre, wenn es vor dieser Welt noch eine andere Welt gegeben hat, und noch eine, und noch eine.

Übrigens: das, was wir Ewigkeit nennen, hätte und hat nur einen rein semantischen Sinn, so etwa wie wenn jemand einem anderen den Geschmack eines guten Rotweines beschreiben müsste, der doch noch nie einen getrunken hat. Und der der beschreibt, hat auch noch nie einen getrunken. Und sie wüssten dennoch, dass es das irgendwie geben muss – den Geschmack von Rotwein, weil sonst die Welt keinen richtigen Sinn machte.

Das , was wir Ewigkeit nennen, kennen wir also nur vom Hörensagen von anderen, die das auch noch nicht so beschreiben konnten und dennoch daran festhielten, wie einer der auf der Gefängnisinsel Monte Christo sitzt und steif und fest daran glaubt – es muss einen Weg nach draußen geben, es muss einfach.
[weiterlesen...]

Kategorie: Allgemein | Kommentar schreiben »

Der Geist des Tango

Von Karl-Otto Scholz | Montag, 19. November 2012

 

Es ist Tag der offenen Tür in einer Tanzschule. In der Mitte erklärt der Tanzlehrer den Geist des argentinischen Tango. Gebannte Blicke sind auf ihn gerichtet. Zehn Paare haben sich eingefunden, um an ihrem Tanzen zu feilen, um alles noch flüssiger geschehen zu lassen. Die Schrittfolgen beim Tango sind kompliziert.

Tango ist ein melancholischer Tanz. Und er ist gleichzeitig ein Tanz voller Emotion. Tangopaaren beim Tanzen zuzusehen lässt den Betrachter nicht unberührt. Und manche Tänzerinnen und Tänzer sagen, der Tango habe ihr gemeinsames Leben verändert.

Tango hat Ausdruck. Er ist expressiv. Er lässt sich in allen Schritten wiedererkennen als Ineinander von Unabhängigkeitsstreben und totalem Aufgehen im Anderen, als Theater des Trotzes und der Hingabe. Immer wieder will sie von ihm weg, dann zieht es sie zu ihm hin. Sie schwebt um ihn herum, um ihm im nächsten Augenblick wieder die Füße zu kreuzen. Und er wirbt um sie, um dann wieder verärgert mit dem Fuß aufzutreten. Insofern vertuscht der Tango nichts. Er stellt die Beziehung von Mann und Frau so dar wie sie ist – spannungsreich und doch auch erfüllend. Mann und Frau können nicht miteinander aber auch nicht ohne einander.

Ist es so? Sind Mann und Frau in Flucht und Anziehung verwoben? Liegt darin das Geheimnis von Liebe? Der Prophet Hosea – er lebte etwa in der Zeit von 755-725 vor Christi Geburt in Israel – hat dieses Hin und Her der Liebe in der Beziehung zwischen Gott und Gottesvolk verortet. Gott, der Liebhaber, war vom treulosen Verhalten seiner Partnerin Jerusalem enttäuscht. Ein paar Verse weiter verzehrt ER sich wieder nach ihr und schwört ihr ewige Liebe.

Wie heißt es da? Ich will mich mit dir verloben für alle Ewigkeit, ich will mich mit dir verloben in Gerechtigkeit und Recht, in Gnade und Barmherzigkeit. Ja, in Treue will ich mich mit dir verloben und du wirst den HERRN erkennen. (Die Bibel – Hosea 2 Verse 21+22)

Worum geht es am Buß- und Bettag? Um das Erkennen der Liebe Gottes, und der Wahrnehmung, wie unsere Füße immer wieder von IHM wegstreben. Ein himmlischer Tango sozusagen. Gott und Mensch – sie können oft nicht miteinander aber auch nicht ohne einander.

 

Kategorie: Allgemein | Kommentar schreiben »

Warten auf Luther

Von Karl-Otto Scholz | Freitag, 2. November 2012

Das irische Geisterfest Halloween hat sowieso schon die Lufthoheit an den Stammtischen der Republik erobert. Ausgehöhlte Kürbisse als amerikanische Kulturimporte zum 31. Oktober sind an jeder Haustür zu finden. Selbst Erwachsene schminken sich Blut ins Gesicht und gehen im Vampirumhang auf spezielle Grusel-Events. Die Abendnachrichten berichten über um Süßigkeiten klingelnde Kinderscharen, nicht über den Zustand der Kirche. Das tun sie erst einen Tag später, in dem in Wort und Bild ein katholischer Pfarrer im Barrett und in Prozession auf den Friedhof zieht und dort die Gräber segnet.

Die evangelische Festtagsgemeinde, die sich traut, des reformatorischen Kernimpulses des Thesenanschlags durch Martin Luther in ihren Gottesdiensten zu gedenken, ist sehr überschaubar geworden. In manchen Kirchen regt sich theologische Widerständigkeit. Man überlegt, den Reformationstag lebendiger zu gestalten. Da gibt es besondere musikalische Gottesdienste in denen „Ein feste Burg“ historisch korrekt gesungen und in der Predigt gewürdigt wird. Anderen Ortes führt man „Luther-Spiele“ auf, in denen die Lebensdaten des großen Bibelübersetzers in Korrelation zu den historischen Wendepunkten der Reformation gestellt werden. Oder es kommt in Ein-Personen-Stücken die Lutherin Katharina von Bora zu Wort. All dies im Bemühen, die Reformation als deutsches Kulturgut dem Vergessen zu entziehen.

Und nun das: in der SÜDDEUTSCHEN schreibt die Kulturbeauftragte Petra Bahr von der Evangelischen Kirche Deutschlands unter der Überschrift „Held oder Holzklotz“ programmatisch:“Er hat nie Thesen angeschlagen und wollte keine Kirche gründen. Martin Luther ist viel weniger der große Neuerer als ihn die protestantische Tradition gerne sieht. Der entsprungene Augustinermönch stand noch mit beiden Beinen im Mittelalter – und er hasste Juden.“ – Schock! Und das am Reformationstag.

Stimmt schon: da ist mancherlei Mythologisches in den Reformationstag verwoben worden, besonders im 19. Jahrhundert. Heldenverehrung wäre wohl Luther selbst ein Graus gewesen. Aber Petra Bahr (im inneren Dialog mit einem Freund, einem eher „spöttischen Historiker“) schiebt nach: Luther sei nicht der große Erneuerer gewesen. Kritik am Ablasshandel, am verlotterten Papst hatten schon andere vor ihm geäußert. Er habe auch nicht die bürgerliche Freiheitsrevolution initiiert – das kam mit Verzögerung 300 Jahre später. Er sei ein „schwieriger Mensch“ gewesen, eine „umstrittene Persönlichkeit“. Und die evangelische Kirche tue gut daran, nicht die „protestantische Leitkultur Preußens“ zu feiern, sondern … ja was?

Petra Bahr sucht nach dem Bleibenden unter den Trümmern der Luthermythen, die übrigens heute fast niemand mehr kennt! Und sie verortet protestantische Ethik im berühmten Dreischritt „allein durch Christus, allein durch die Schrift, allein durch den Glauben“ wider Vermittlungsagenturen des Glaubens, als Lebensweise mündiger Christenmenschen, die nicht nach Inszenierungsfeldern der Öffentlichkeit suchen müssen.

Luthers „feste Burg“ als Singsang kämpferischer Heldenverehrer solle zu einem Mutmachlied werden „gegen die eigene Mutlosigkeit“. Und genau hier, wo die Analyse spannend werden könnte, bricht Petra Bahrs Artikel zusammen. Er faltet sich und knittert sich in die eigene Bedeutungslosigkeit, wird zum Appell an Kulturchristen und kritische Historiker. Dort aber verhallt er im Ungefähren.

Was ist denn das Protestantische im ökumenischen Dialog der Kirchen? Auf welchen Luther will sich die EKD im Widerstreit mit der Historikerzunft beziehen? Und was bedeutet das, wenn sich Kirche im Schatten von Halloween und Gräbersegnungsbildern selbst marginalisiert? Im vorauseilenden Gehorsam wird gesagt, was Luther nicht mehr sein könne, aber nicht das, was er für seine Kirche und für die deutsche Kultur und Geschichte ist. Auf die Beschreibung dessen warte ich gerne und mit großem Interesse.

 

Kategorie: Allgemein | Kommentar schreiben »

dOKUMENTA 13

Von Karl-Otto Scholz | Montag, 28. Mai 2012

Foto: Karl-Otto Scholz - Titel: "ecce homo", Fingerfarbe auf Leinwand

Die Dokumenta 13 öffnet bald ihre Pforten in Kassel. Ich freue mich drauf und schwanke zwischen Dauerkarte im Freibad oder Dauerkarte in Kassel.

ART gibt jetzt schon Hinweise, wo was wann zu finden sein könnte. Vermutlich. Irgendwie.

Genaues weiß man noch nicht. Es soll eine Überraschung werden. Munkelt man. In gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen. Zu denen ART selber – im Augenblick / bzw. nicht mehr (wann wieder?) gehört.

Carolyn Christov-Bakargiev, Chefkuratorin des Castello di Rivoli in Turin und seit 2008 Documenta-Leiterin, hält sich bedeckt. Hört man. Oder reimt es sich zusammen aus Nichts sagenden Pressekonferenzen.

Kunst mit Überraschungsmoment: das ist selbst schon eine Kunstaktion, eine Aussage in der Verweigerung derselben. Kunst soll konfrontieren – mit dem Aha-Effekt. Das Transzendente ereignet sich im Immanenten. Schon mal gehört irgendwo.

Die Latte hat Frau Christov-Bakargiev damit ziemlich hoch gelegt. Nun müssen die Besucher nur auch darüber springen. Am besten, wenn sie eine Dauerkarte lösen.

Kategorie: Allgemein | Kommentar schreiben »

An die Wirklichkeit des Kindes anknüpfen

Von Karl-Otto Scholz | Donnerstag, 10. Mai 2012

Unterwegs zum Reformationsjubiläum 2017 – der bleibenden Beitrag der protestantischen Religionspädagogik

Göttingen. Der Göttinger Religionspädagoge Bernd Schröder sprach sich in einem Vortrag in Göttingen dafür aus, die Kirche möge ihre Tradition nicht um ihrer selbst willen unterrichten, sondern nur insofern sie an die Wirklichkeit des lernenden Kindes anknüpfen und sie erklären könne. Durch die Jahrhunderte nach der Reformation Martin Luthers ziehe sich wie ein roter Faden das Bemühen protestantischer Gelehrter, die religiöse Erziehung und die schulische Bildung des Staates und der Kirche auf vernünftige Fundamente zu stellen. Dies stelle einen bleibenden Beitrag des Protestantismus in der jüngeren Geschichte Deutschlands dar.

Professor Dr. Bernd Schroeder, Uni Göttingen

 

Professor Bernd Schröder referierte am 25. April in der St. Johannis-Gemeinde Göttingen vor einem interessierten Kreis von Theologen und Pädagogen über die „Bildung um der Welt Willen – Beiträge aus protestantischer Tradition“. In seiner Rede zeichnete er eine Geschichtslinie protestantischer Geister wie Philipp Melanchthon, Johann Amos Comenius und in neuerer Zeit Hans Bernhard Kaufmann, die die Diskussion um die rechte religiöse Bildung immer wieder befruchtet haben.

Hochschulpastorin Heike Merzyn übernahm die Aufgabe, den Religionspädagogen Schröder der Zuhörerschaft vorzustellen: geboren 1965 – habilitierte er 1999 über die jüdische Erziehung im modernen Judentum, war von 2001 bis 2011 Professor im Saarland und bestieg 2011 den Lehrstuhl für Praktische Theologie und Religionspädagogik an der Universität Göttingen.

Einleitend entfaltete Professor Schröder eine Genealogie christlicher Bildungsgelehrsamkeit. Für Meister Eckhart, den mittelalterliche Mystiker und Theologen, ging es in der religiösen Entwicklung des Menschen nicht um Selbstverwirklichung, sondern darum, die Zwiespältigkeit zum Guten wie zum Bösen aufzuzeigen. Bildung des Menschen habe dieser als eine Neuschöpfung aus Gottes Hand zum Guten definiert. Johann Friedrich Herbart, ein anderer großer Klassiker der Pädagogik, hielt den Menschen hinsichtlich seiner Bildsamkeit für würdig und fähig. Der Status der Gottesebenbildlichkeit müsse in Erziehung und Lehre immer wieder aktualisiert werden. Diese Betonung des Gedankens der Bildung und Erziehung bei vielen christlichen Denkern zeige – so Schröder – dass die christliche Religion von ihrem Wesen her bildungsfreundlich angelegt sei.
[weiterlesen...]

Kategorie: Allgemein | 1 Kommentar »

Seiten: 1 2 3 4 5 ... 23 24 25 »