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Rote Karte für Schweinsteiger
Von Karl-Otto Scholz | Freitag, 13. Juni 2008
Haben Sie das gesehen am Donnerstag? Schweinsteiger wird in der 90. Minute von Kovac von hinten gefoult. Nervig so ein Foul. Die Kroaten waren sowieso schon 90 Minuten lang nervig. Mit diesem guten Spiel der Kroaten hatten die Deutschen gar nicht gerechnet. Und nun lagen sie 1:2 hinten. Schweinsteiger dreht sich genervt um und brüllt Kovac an. Dabei wird er handgreiflich, wirft den Kroaten mit dem Kopf zu Boden. Der Linienrichter wedelt hektisch mit der Fahne. Der Schiedsrichter zögert keine Sekunde lang: rote Karte für Schweinsteiger.
Männer rächen sich so. Sie rasten aus, werden handgreiflich. Brüllen das Gegenüber an. Frauen machen das anders – subtiler. Sie können sich gut in die Gefühlslage der anderen Person hineinversetzen, wählen ihre Schläge gezielt aus, so dass sie besonders weh tun. „Für eine gelungene Rache ist die eigene Erfindungsgabe gefordert.“ - schreibt jemand im Internet. In den USA soll es schon Firmen geben, die sich auf ganz legale Racheaktionen verstehen.
Rache ist süß. So sagt der Volksmund. Rache ist ja der Ausgleich für zuvor erlittene Schmach – zum Beispiel wenn einer Frau der Mann weggeschnappt wird, oder wenn jemand sich beim Geld betrogen fühlt, oder wenn Nachbarn sich am Gartenzaun bekriegen.
Was aber sagt die Bibel? „Vergeltet niemand Böses mit Bösem.“ „Rächt euch nicht selbst, sondern gebt dem Zorn Gottes Raum. Denn die Rache ist mein – spricht der Herr.“ Die Kultur in der Stadt Rom zur Zeit des Paulus, von dem diese Sätze stammen, war eine gewalttätige. Die Menschen lebten in großen Mietskasernen auf engstem Raum. Sie waren es gewohnt, ihr Recht mit der Faust durchzusetzen. Ja – das war sogar oberste Staatsdoktrin. Seit mehr als 400 Jahren hatte Rom gegen alles und jeden Krieg geführt, und wenn es keine äußeren Feinde gab, dann den inneren.
Auf dem Marsfeld stand eine aus Holz gebaute Arena für Gladiatorenkämpfe. Darin wurden aber auch zum Tode Verurteilte grausam von Tieren zerfleischt. Die ersten Christen konnten ein Lied davon singen, was für Auswüchse die Gewalttätigkeit der Stadt Rom hatte. Manchmal waren sie von Nachbarn verraten worden. Manchmal waren es sogar eigene Familienangehörige. Soll man sich rächen?
Wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen. Wenn ihn dürstet, so gib ihm zu trinken. Das ist der Geist des neuen Glaubens. Ganz gezielt nimmt Paulus eine Botschaft der Sprüche Salomos auf und bindet sie zusammen mit dem „Liebet eure Feinde, tut wohl denen, die euch hassen.“ von Jesus.
Aber warum betonen Jesus und Paulus die Feindesliebe so stark?
Das Gottesreich ist nahe herbei gekommen - so hat Jesus gepredigt. Im Vater unser bitten seine Jünger sogar ganz ausdrücklich darum: Dein Reich komme. Es ist ein paradiesisches Reich, das da kommen soll. Die Schöpfung soll noch einmal von vorn beginnen. In diesem Reich Gottes gibt es kein Köpfe einschlagen. Das war ja gerade Kennzeichen der Zeit nach dem Paradies. Der Sohn von den vertriebenen Adam und Eva, Kain, erschlug im Racherausch den Abel.
Wer zurück will in die Geisteshaltung des Paradieses, der darf nicht die kainitische Gesinnung in sich Raum greifen lassen. Darum sagt Jesus: Tut wohl denen, die euch hassen.
Nun könnte es doch reichen, wenn man seine Feinde ignoriert. Einfach links liegen lassen. Schon das erfordert ja alle unsere Kräfte. Da muss man alle Wut und Enttäuschung, die in einem ist, verdrängen. Nein – das reicht nicht. Du sollst ihm Gutes tun. Da ist Jesus sogar einen Schritt weiter als Paulus. Man spürt, dass Paulus ein impulsiver Mensch war, der sich die Feindeliebe nicht gut vorstellen konnte. Bei ihm heißt es: Überlasse die Rache Gott. Jesus aber: Tue wohl deinem Feind. Dreh ihn um, mach ihn zu deinem Freund, kann man wohl schlussfolgern.
Jesus hat sich ja das Kommen des Gottesreiches vorgestellt wie den Gärprozess in einem Teigbottich. Der Sauerteig verwandelt Mehl und Wasser in Brotteig. Immer fragt man sich: Jesus- wie soll das denn vor sich gehen?
Jetzt aber können wir sehen, wie Jesus sich das vorgestellt hat. Das Reich Gottes kommt, indem jeder Christ den Feind an seiner Seite zu seinem Freund macht. Aus Mehl wird Sauerteig. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst – das ist ja die Goldene Regel – die er uns überliefert hat. Nun aber kann dein Nächster ein Feind sein, also liebe deinen Feind wie dich selbst.
Es fragt sich, ob das Fußballspielen einen Sinn macht, wenn Sebastian Schweinsteiger seinen Gegner alles machen ließe. Aber der Fußball ist ja kein Abbild des Paradieses, sondern ein Abbild des gemeinschaftlichen Jagens in den Wäldern des Nordens. Es sind unterschiedliche Bilder unserer Vergangenheit. Sie spiegeln aber beide auch uns Menschen wider. Haben Sie einmal darauf geachtet, dass sich Spieler nach dem Schlusspfiff gegenseitig umarmen, nicht nur Spieler der eigenen Mannschaft. Was ist das Paradies, wenn nicht Respekt und Achtung des anderen.
© by karl-otto scholz
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Kategorien: Allgemein
Tags: Feind | Feindesliebe | Fußball | Goldene Regel | Jesus | Paulus | Rache | Reich Gottes | Rom | Schweinsteiger
