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Totentanz im Brautkleid

Von Karl-Otto Scholz | Dienstag, 8. Juli 2008

Ein seltsames Museum ist das.

Ich drücke das Portal auf, zahle meinen Obulus, lege Tasche und Mantel in der Garderobe ab. So weit – so gut. Dann betrete ich die Ausstellungshalle und erstarre vor einer Installation. In einem Geviert aus Eisenstangen hat sich die Hülle eines menschlichen Körpers verfangen. Ist es Haut, ist es durchsichtiger Stoff? Nur die Umrisse der Extremitäten sind erkennbar. Eine leere Hülle – das bleibt vom Leben des Menschen übrig, so die Botschaft eines Künstlers, der mir dieses Objekt in den Weg gestellt hat. Dieses Museum ist seltsam. Es zwingt mich schon beim ersten Meter, mich dem Gedanken an den Tod zu stellen.

Dechiffriermaschine des Lebens

Ist es möglich, Menschen den Gedanken an den eigenen Tod nahe zu bringen? Diese Frage will das Kasseler “Museum für Sepulcral-Kultur” (Bestattungs-Kultur) positiv beantworten. Und dazu hat es allerlei Künstler aufgeboten, das Thema Tod und Sterben zu bearbeiten. Einer hat sich selbst zu Lebzeiten ein Grabmal gefertigt. Wie eine Litfass-Säule oder eine ENIGMA-Chiffriermaschine mit zahlreichen unterschiedlichen Walzen ist es gestaltet.  Zuoberst eine runde Platte aus Granit mit dem eingemeißelten Namen und dem Geburtsdatum des Künstlers. Darunter sind Holzscheiben von etwa zehn Zentimeter Höhe geschichtet. Zuvor hat er jede dieser Scheiben Verwandten und Freunden zur freien Gestaltung überlassen. Herausgekommen ist dabei ein Totempfahl der Totenerinnerung. Oder vielleicht auch eine Lebenserinnerung – so genau lässt sich das nicht trennen. Und überaus bunt ist diese Stele, zu bunt für unser trist-traurig-schwarzes Sehempfinden? Nach dreißig Jahren seien die Holzscheiben (wenn die Stele auf einem normalen Friedhof aufgestellt wird) verrottet und die Granitplatte nach unten gesunken – so teilt die Infotafel mit. Der Künstler wollte die (umweltfreundliche) Vergänglichkeit mit einbauen. Irgendwann ist also Schluss mit Erinnerung.

Brautkleid und Totenhemd

Da ist ein anderer weiter als er. In einer Ecke des Museums ist eine Steinplatte – grob zugehauen – zu sehen. Darauf stehen die Worte: “Denkt immer daran, mich zu vergessen.” Unmöglich das – das weiß der Künstler und freut sich bestimmt diebisch über unser Innehalten an der Grabplatte. Zweck erfüllt: auf einem Friedhof geht es zuallererst um Erinnerung, nicht um Vergessen. Das gilt auch für das Museum für Sepulcral-Kultur: an allen Ecken wird erinnert, Vergangenheit beschworen, Sensibilität geschärft, auf die Frage nach dem Tod (und dem Leben danach) vorbereitet.

Eine andere Künstlerin (auch zu Lebzeiten) hat ihr eigenes Totenhemd gestaltet. Schön ist es, fast so schön wie ein Brautkleid. Kann es sein, dass der Mensch im Tod Vermählung feiert? Vermählung und Versöhnung mit seinem eigenen nun vollendeten Leben, Vermählung mit Gott? Von einer Museumshelferin erfahre ich, dass es in manchen Gegenden Deutschlands Brauch war, das Totenhemd unter das Brautkleid zu ziehen. Woanders bekamen die Konfirmanden es zur Konfirmation geschenkt. “Mitten wir im Leben sind – von dem Tod umfangen.” Dieses alte Beerdigungslied stellt sich dem Kundigen fast wie von selbst ein.

Bühnenreifer Abgang

In einem Raum stellt ein Diorama Figuren des mittelalterlichen Totentanzes dar. Vor dem Tod sind alle gleich, so mahnen die Zinnfiguren mich, ob Kaiser oder Bettelmann, ob Junger oder Greis, sie alle tanzen dem Tod nach der Pfeife, sie tanzen ihren letzten Tanz. Wenn man weiß, dass die Menschen im 14. und 15. Jahrhundert nicht sehr alt wurden, von Pestilenz und Blattern, Hunger und Krieg hinweggerafft wurden, dann wundert man sich über die Leichtigkeit und Fröhlichkeit des Gedankens, der Tanz sei der  sinnstiftende Abgang von der weltlichen Bühne, der Übergang in ein himmlisches Jerusalem, in dem die hochzeitliche und österliche Freude zuhause ist.

Der Tod macht alle gleich. Nicht ganz – das kann man von einem neuzeitlichen Sarg aus Ghana lernen. Er ist gestaltet wie ein großer leuchtend roter Hahn, buchstäblich ein Paradiesvogel, mit dem ein besonderer wohlhabender Status zu Lebzeiten ausgedrückt werden soll. Wenn der Gang zum Friedhof in solch prächtigem Hahn gefeiert wird, dann muss das Leben selbst auch ein prächtiger Ort gewesen sein.

Love is all you need

Mich beeindruckt am Ende eine kleine Bildwand am meisten. Ein sensibler Fotograf hat von seinem Großvater Schwarz-weiß-Fotos gemacht. Alle zwei Wochen eines. Der Großvater geht auf den Tod zu, wird von Bild zu Bild hinfälliger, muss rasiert werden, muss gefüttert werden, bleibt am Ende ganz im Bett liegen, verliert die Kraft für die kleinsten Dinge des Lebens, verliert die Kraft zu atmen. Am Ende ein Gesicht und zwei gefaltete Hände auf der Bettdecke. Der Tod ist gekommen. Die treusorgende Großmutter hat ihrem Mann liebevoll die Augenlider zugedrückt und betet. Diese Bilder schildern das Kommen des Endes.
Was aber bleibt? “Am Ende bleiben Glaube, Liebe, Hoffnung – diese drei – aber die Liebe ist die größte unter ihnen.” So schrieb der Apostel Paulus, und die Beatles sangen einmal: “Love is all you need.” Ja – das stimmt beides. Am Ende des Weges durch dieses Museum stellt sich ein Gefühl von Liebe ein – zu seinem eigenen vergänglichen Körper – zu einem Menschen, dem man sich so nahe fühlt – zu Gott – zum Leben.

Feiere dein Leben, jeden Tag. Das sprechen die Steine.

Bild: “ohne Titel”
von Josef Stuefer auf flickr.com

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Kategorien: Allgemein

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