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Wenn ich dich je vergesse, Jerusalem
Von Karl-Otto Scholz | Freitag, 25. Juli 2008
Solidarität mit Israel
… hat in der bundesdeutschen Außenpolitik oberste Priorität. Seit dem Holocaust versucht guter Wille mit Zuwendungen aller Art gut zu machen, was gut zu machen ist. Die Generation der Überlebenden von Auschwitz und Birkenau ist bald weggestorben. Längst sind neue Generationen junger Israelis nachgewachsen, die keine Scheu haben, über ihre Geschichte nachzudenken und auch mit jungen Deutschen darüber ins Gespräch zu kommen.
Die Diskussion in Deutschland selbst ist allerdings immer noch verkrampft. Es gilt die Fahne des Gedenkens gegen neonazistische Anwandlungen Unverbesserlicher hoch zu halten.
Dabei sollte der Blick vielmehr nach vorne gerichtet sein. Durch den Zuzug russischer Übersiedler hat die Jüdische Gemeinde in Deutschland, mag sie sich liberal nennen oder orthodox, Integrationsprobleme eigener Art. Viele der Neuankömmlinge wissen nichts mehr vom jüdischen Glauben, sind eher wegen der Verheißungen des Westens nach Berlin oder Dresden oder Frankfurt oder München gekommen. Immerhin: es werden überall neue Bethäuser gebaut, Gemeinden gegründet, Anstrengungen zur Integration unternommen. Jüdisch sein in Deutschland soll etwas ganz Normales sein – und ich sehe viel Wohlwollen auch auf Seiten der großen deutschen Kirchen, dieses Nebeneinander der Buchreligionen zu fördern und zu begrüßen. Schön auch, wenn wissbegierige Schulklassen und Konfirmandengruppen Synagogen besuchen und so ihre Scheu abbauen.
Der Völkertheologe Paulus
… erlebte „sein” Volk als “verstockt” (siehe “Römer 11,25-32″). Nun aber nicht in allgemein theologischer Hinsicht, was die Geschichte, die Frömmigkeit, die religiöse Ausübung anging , sondern allein in christologischer Hinsicht. Augen, Herz und Verstand seiner Glaubensbrüder und -schwestern sah er deshalb verstockt, weil sie den Messias nicht anerkannten. Aber wie sollten sie auch? Die Welt drehte sich weiter, die Sonne ging jeden Morgen im Osten auf, Steuern mussten bezahlt werden, Kinder wurden geboren, Alte starben, Kriege wurden geführt, gewonnen oder verloren, der Kaiser in Rom befahl den Legionen – wie eh und je. War da was?
Ja – einige wenige jüdische Eiferer beklagten den Tod eines der Ihren – Jesus – auf jüdisch Jeschua („Gott rettet”). Sie trafen sich in Häusern und Hinterhöfen, lasen die Bibel und versuchten, das Geschehene zu verarbeiten. Einige meinten, Jesus gesehen zu haben, und er sei nicht mehr unter den Toten in einem Grab des Josef von Arimatheia. War er der von Gott verheißene „leidende Gottesknecht”? War er der Hinweis Gottes auf die Auferweckung der Toten, wie manche unter den Pharisäern schon vorher glaubten? War er der „Erste” (Paulus), den Gott auferweckt hatte? War er das Zeichen, dass nun das „Reich Gottes” anbrechen werde?
Es waren messianische Juden, die sich da in Jerusalem und Antiochia, Damaskus und Alexandria, Tarsus und Thessaloniki, Athen und Rom versammelten. Paulus hat diese Gemeinden der jüdischen Diaspora seiner Zeit abgeklappert. Mal wurde er freundlich aufgenommen, mal weniger freundlich, mal sogar feindselig. Paulus berichtete persönlich im Römerbrief über die Feindschaft der „Verstockten”, die ihm entgegenschlug. Verständlich, dass er so darüber schrieb. Die Obrigkeit ließ ihn ja zuweilen in entehrender Weise auspeitschen. Man war nicht zimperlich damals, was die öffentliche Ordnung anging.
Aber Paulus war auch ein trotziger, robuster Typ. Und er hat daran festgehalten, dass “sein Volk” irgendwann einmal seine Überzeugungen vom Messias Jesus teilen würden – in nicht allzu langer Zeit übrigens, denn er lebte in der Geisteshaltung der Naherwartung. Mittlerweile gab es ja auch heidnische Christen, die sich fragten, warum Paulus gerade in den jüdischen Synagogen oft die Anerkennung fehlte. Bevor sie voreilige Schlüsse zogen, schob er der Diskussion einen Riegel vor: sie seien nur momentan verstockt, das gebe sich mit der Zeit – kein Grund also, auf die jüdische Gemeinde verächtlich herabzublicken. Den Zeitpunkt benannte Paulus auch gleich mit: bis die Heiden alle zum Glauben gefunden haben. Im Hinterkopf ist bei ihm das Bild der Völkerwallfahrt zum Zionsberg in Jerusalem. Das war uralte Weissagung. Eines Tages würden sich alle Menschen auf den Weg machen und dem Gott vom Sinai huldigen. Mekka und Medina, Lourdes, Rom und Santiago in Einem. Paulus hat nicht mit 7 Milliarden Menschen gerechnet, aber hat jemand vor ihm dieses Bild anders als ein Bild gedeutet?
Rastlos unterwegs
Sobald alle Menschen an Jesus glaubten, dann würden dies auch die Juden glauben. Punkt – so einfach war das für Paulus. Und der Mann aus Tarsus – der römische Bürger (!) -war rastlos unterwegs, diese Mission aller Menschen in die Tat umzusetzen. Er glaubte ja nicht, dass die Erde eine Kugel und in ihren Ausmaßen riesig ist. Er kannte sein Mittelmeer und in der Mitte Rom. Das war sein Missionsraum. Das war seine Menschheit.
Wie aber machte er seiner Gebetsgruppe in Rom, an die er den Römerbrief schrieb, klar, dass es ein Miteinander geben müsse zwischen Juden(-christen) und Heiden(-christen)? Er erinnert sie an die Verheißungen Gottes an Israel und deutet die Gleichzeitigkeit von Verstocktheit und Erwähltheit. Ein Mensch kann mehreres sein – Sünder und Gerechter (Luther) – des Nächsten Feind und trotzdem von Gott Geliebter (Paulus). Tröstlich das zu wissen. Es könnte jedem Menschen einmal so gehen, dass er sich in beiden Rollen wiederfindet. Finden wir also eine grundsätzliche Ablehnung des Judentums bei Paulus? Nein!
Die Kirche nach ihm hat den von ihm vorgezeichneten Weg verlassen, ist ihm nicht gefolgt. Das ist im Grunde die Tragödie des Paulus. Nachfolgende (von der Synagoge entfremdete) Generationen von Christen haben steinbruchartig seine Sätze verwendet, um die (nun immer fremderen) Juden auszugrenzen, um sie zu verfolgen, um sie zu diffamieren. Das hatte historische Gründe, die nicht leicht darzustellen sind. Aber gut, dass diese Zeiten nun vorbei sind. Die Kirchengeschichtsbücher registrieren seit einigen Jahrzehnten (natürlich auch motiviert durch den „Abgrund” der systematischen Judenvernichtung unter Hitler) ein neues, entspannteres, konstruktiveres Verhältnis der großen Kirchen zu jüdischen Gemeinden und zum Judentum im Ganzen. Es wurde auch Zeit.
Aktuell
Die Kirchen begehen am 27.7.2008 den Israelsonntag, Versöhnungsgedanken predigend – wie aber geht es Israel? Ein kurzer Überblick: Israel baut neue Siedlungen im Jordantal – die Nation, deren Name schon über 3000 Jahre alt ist, wächst – Barak Obama, der vielleicht 44. Präsident der USA hat Israel seine Aufwartung gemacht und betont, wie eng die Beziehung der USA zu Israel sei / natürlich! – Hisbollah und Israel beäugen sich an Libanons Grenze – ein Luftangriff auf iranische Atomanlagen ist weiterhin nicht ausgeschlossen…
und…
Paul McCartney gibt bald sein erstes Konzert in Israel – Lothar Matthäus ist schon Trainer bei Maccabi Netanya, der israelischen Spitzenfußballmanschaft
und auch…
14 palästinensische und israelische Jugendliche machen gemeinsam Zirkus in Berlin.
Na es geht doch!
Bild: “Jerusalem of Gold”
von “lapidim” auf flickr.com
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Tags: Erwählung | Israel | Jerusalem | Kirche | Klagemauer | Paulus
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