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Von Gott gefunden

Von Karl-Otto Scholz | Montag, 25. August 2008

"Cobblestonesandi" von "AndiH" auf flickr.com

Es war einmal
… so fangen Märchengeschichten an. Damit wird dem Hörer ein Sprung zugemutet, der Sprung hinaus aus seinem Erfahrungsbereich, aus seiner Lebenszeit, aus seiner Welt. Es wird eine Brücke gebaut – hinüber zu einer ganz anderen Welt. Halten Sie dies für möglich? Diese ganz und gar andere Welt, diese jenseitige Welt, die eigentlich gar nicht an einem anderen Ufer liegt, sondern nur weit aus unserem Blickfeld?

Wenn wir Fernsehen schauen, dann gehört das noch zu unserem Blickfeld. Wenn wir Knochen von uralten Sauriern finden, dann gehört das auch noch zu unserem Blickfeld. Aber – die ersten Menschen, die Zeit des Nebels über dem Erdboden, die Zeit ohne Grün und Wald – das ist fast wie eine Geschichte von Mittelerde – jenseits unserer Wirklichkeit, so scheint es.

Der Gott, der Himmel und Erde gemacht hat, hat einen Namen. Ich will jetzt nichts zum ganzen Komplex der Schöpfung an sich sagen, das wäre Thema am Erntedanksonntag, oder Thema für das erste Kapitel des ersten Moses-Buches. Ich will etwas über den Namen sagen. Es ist so, dass man dieses Wesen getrost als “Wesen” bezeichnen könnte, wenn es uns unbekümmert ließe, wenn es uns nichts anginge. Aber es scheint uns etwas anzugehen.

Gott geht uns an
… was für ein Wort. Es beschreibt genau, was ich meine: Gott, dieses Wesen vor aller Zeit, geht uns an. Er stellt sich uns in den Weg. Er stellt sich uns vors Gesicht. Er schaut uns an. Er stellt sich vor. Er sagt seinen Namen. Er wird uns zur “Person” – „durchtönend”. Er redet mit uns.

Wie einfach hätte unser Leben bleiben können, wenn uns dieser anonyme Schöpfer in Frieden gelassen hätte, unberührt, ungerührt. Wir hätten akzeptieren können, dass „Er” die Welt habe explodieren lassen, so wie ein Junge mit seinem Chemiebaukasten experimentiert, wie um einmal zu sehen, was dabei herauskäme. So rein aus wissenschaftlicher Neugier, mal sehen, was entsteht. Wir, die so genannten Geschöpfe, sähen nicht anders aus. Aber wir hätten ein Problem weniger – dass nämlich dieser wissbegierige Schöpfer etwas von seinen Geschöpfen will. So sieht es doch heute aus: Gott will uns nicht allein vor uns her vegetieren lassen. Es gehört zu seinem Experiment dazu, wissen zu wollen, wie denn seine Geschöpfe auf die Idee des Schöpfers reagieren. Wie sie fühlen, wenn er sich ihnen vorstellt:

Findelkindgeschichte
Er will, dass wir ein Problem haben, nämlich das Problem, zu wissen, dass es ihn nicht nur gibt, sondern dass es ihn für uns gibt, dass wir eine Beziehung haben.
Nun ist es heraus: unser Problem ist diese seltsame Beziehungskiste mit unserem Schöpfer. Er ist „unser” Schöpfer. Er gehört zu uns. Er bezieht sich auf uns. Wir beziehen uns auf ihn, ob wir wollen oder nicht. Wir werden diesen HERRN, wie Martin Luther ihn nannte, diesen “Elohim”/”Jahwe”, wie die Juden ihn bekannten, nicht los.

Eine anrührende Geschichte fällt mir dazu ein, wie einer eines Tages ein Findelkind aufliest, welches ohne Liebe und ohne Heimat aufgewachsen ist. Von Astrid Lindgren ist diese Geschichte, fast ein Märchen: „Rasmus und der Landstreicher”. Wie dieser Landstreicher nach und nach für das kleine junge Findelkind zur Heimat wird, zur personalen Heimat, nämlich im Sinne des Buches Ruth, in dem es heißt: „Wo du hingehst will auch ich hingehen”. So haben wir Menschen eines Tages diesen Gott gefunden. Er ist uns irgendwann in der Geschichte zugelaufen. Zuerst ein Problem, später immer mehr eine Person, die wir lieb gewannen.

Das Problem
Sie merken, ich hätte das Ganze umgekehrt formulieren können: So hat Gott uns eines Tages gefunden. So sind wir ihm irgendwann einmal zugelaufen. Er hat sich uns gezeigt, und wir haben uns an seinen Rockzipfel gehängt, wie die armen verhungerten Bälger, die nach ihrer Mutter schreien. So hatte auch Gott am Anfang mit uns ein Problem, das sich von seiner Seite aus schon immer als Liebe dargestellt hat. Diese Findelgeschichte – das ist der rote Faden der Bibel. Die Bibel – das ist die Urkunde der zugelaufenen Kinderchen. Es steht übrigens alles haargenauso in der Bibel.

Wo liegt nun unser Problem? Es ist doch eigentlich etwas Schönes, wenn heimatlose Kinder ihren Vater oder Mutter wieder finden? Das Problem ist, dass wir dauernd mit der Nase auf unsere Heimatlosigkeit gestoßen werden. Solange wir ihn vor Augen haben, geht er uns an. Er sagt, er gebe uns Heimat. Er sagt, bei ihm seien wir geborgen. Er sagt, er liebe uns. Wir aber möchten daran nicht erinnert werden. Es macht uns Angst. Denn weil er unsichtbar ist, müssen wir ihm ja ganz und gar vertrauen.

So viel Vertrauen bringt nicht jeder auf. Und manche sagen: Gott, wir glauben dir deine Heimat nicht. Wir glauben dir deine Geborgenheit nicht. Wir glauben dir deine Liebe nicht. Wir glauben dich nicht. Wir glauben überhaupt nicht, dass du uns im Wege stehst, dass du uns etwas angehst. Wenn wir dich nicht sehen können, dann wollen wir dich auch nicht vor Augen haben. Wir wollen dich nicht sehen. Hand vor die Augen. Problem gelöst! Oder doch nicht?

Odysseé
Mitten im Garten Eden, so erzählt der Schöpfungsbericht vom Anfang der Welt, stehe ein Baum. Mitten in der Welt sei ein Erinnerungszeichen, dass es „IHN” gibt. In Stanley Kubricks Film „2001 – Odysseé im Weltall” haben „sie” (wer auch immer „sie” waren) ein Erinnerungszeichen hinterlassen, einen vollkommen glatten Körper, einen Quader von der Kantenlänge 1 zu 4 zu 9. Der Film ist voller Anleihen an den Schöpfungsbericht: dass da ein Artefakt die Erkenntnis in die Welt bringt, dass die Intelligenz dem Menschen als Geschenk in die Hände gelegt ist. Dass der Steinquader von der Fürsorge einer höheren Macht zeugt. Dass diese höhere Macht letztlich unsichtbar bleibt. Dass der Mensch sich auf die Reise machen muss, sozusagen auf seine Odysseé, auf seine Kreuzfahrt durch die Gefahren des Lebens, dass dieser moderne Odysseus sich unbehaust fühlt, ausgeliefert einem kalten Universum, dass er sich nach der Geborgenheit des Paradieses zurücksehnt. Und dass er letztendlich das Ziel der Reise erreicht, indem er wieder zum Kind mutiert.

Heimkommen
Gott nicht sehen zu wollen, löst unser Problem der Unbehaustheit nicht. Der Mensch muss sich schon auf den Weg machen, auf die Suche. Er muss das Wagnis eingehen, das Wagnis „zu glauben” wider den Augenschein. “Odysseus” will einfach nur wieder heim. Gebe Gott, dass wir wieder erkennen, dass wir heim wollen – allerdings nach langer gefahrvoller Fahrt. Es scheint so zu sein, als ob das Zuhause nur erreicht werden kann, wenn wir es in der Ferne gesucht haben. Paradox ist das. Es scheint so zu sein, dass wir Gott, den Schöpfer nur finden, wenn wir uns irgendwann einmal zweifelnd von ihm gelöst haben. Dass wir uns zu ihm zurück gesehnt und verzehrt haben. Nach ihm, der uns an-geht.

Was ist das doch für ein seltsames Ding, der Glaube, die Liebe. Wenn wir denn nicht die Hoffnung hätten, wir würden wohl schier verzweifeln. So aber haben wir das unstillbare Sehnen aller Kreatur in unseren Herzen – wie Paulus sagt – und dieses Sehnen lässt uns weiter suchen – immer und immer wieder. Und es lässt uns hoffen. Auch wider den Augenschein. Und es lässt uns standhalten, wenn Gott uns angeht.

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Kategorien: Allgemein

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