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Richtig lieben – richtig tun

Von Karl-Otto Scholz | Freitag, 19. September 2008

Bild: "Rusty Wall" von "@rild" auf Flickr.com

Die Steinernen Tafeln
Alle Zutaten für die Stiftung eines neuen Gesetzes sind vorhanden: ein Gesetzgeber oder gar Religionsstifter (Mose), monumentale Artefakte (die Tafeln), in die das Gesetz eingraviert ist, eine grandiose Gebirgskulisse (Sinai oder Horeb), der thronende Gott selbst (Jahwe) als oberster Gesetzgeber, ein Naturschauspiel (die Wolke), die Anbetungshaltung und am Ende der große Bundesschluss. Das alles beschreibt das 2. Buch Mose im 34. Kapitel.

Wir denken quer und erinnern uns an die verfassunggebende Versammlung, die nach dem Kriegsende das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland ausgearbeitet hat. Nicht ein einzelner Seher war da am Werk, sondern hundert Kluggewordene, die aus böser Zeit kamen und viel Trauriges gesehen und erlebt hatten. Heute sind wir stolz auf ihr Werk. Die Juden damals waren ebenso stolz auf Mose, verehren ihn dafür alle Zeit. Nicht wenige Kirchen haben Altäre oder Bilder, auf denen Moses genau in dieser Pose des Religionsstifters und Gesetzgebers abgebildet ist. Die Gegenwart des Göttlichen hat auf ihn „abgefärbt” – er hat die Aureole des Erwählten um sein Haupt, auch Heiligenschein genannt. So sehr hat die Geschichte des Exodus und der Empfang des Gesetzes für alle Menschen am Berg Sinai nachgewirkt.

Dabei bekommen noch nicht einmal alle Menschen die Zehn Gebote zusammen, wenn man sie fragt. „Du sollst nicht töten” und „Du sollst nicht ehebrechen” – klar, das leuchtet ein. Und das Verbot, andere zu beklauen, das weiß jeder. Aber gewagt gefragt: warum gibt es überhaupt zwei steinerne Tafeln – wissen Sie es? Richtig, weil auf der einen Seite die Gebote stehen, die mit Gott zu tun haben. Den einen Gott achten, seinen Namen nicht missbrauchen, seinen Feiertag halten – das steht auf der ersten Tafel. Das andere, was mit dem Nächsten zu tun hat, steht auf der zweiten. Gott und Mensch in den Blick nehmen – beide Tafeln wiegen gleich schwer.
Gott ist in unserem Küssen
Heinrich Heine hat einmal geschrieben:

Hörst du den Gott im finstern Meer?
Mit tausend Stimmen spricht er.
Und siehst du über unserm Haupt
Die tausend Gotteslichter?
Der heilge Gott, der ist im Licht
Wie in den Finsternissen;
Und Gott ist alles, was da ist;
Er ist in unsern Küssen.

Was für eine schöne Poesie! Voller Anspielungen. Und Heine fasst zusammen: Gott ist im Licht und in den Finsternissen. Besser wird die Geschichte des Alten und Neuen Testaments niemand in acht Worte kleiden können. Und dann der geniale Kontrapunkt: Er ist in unseren Küssen. Heinrich Heine legt den Finger auf den wunden Punkt jeder Gesetzgebung. Aus welchem Geist ist sie gestrickt? Die Thora jedenfalls, Gottes heiliges Gesetz, das in den Zehn Geboten kulminiert – so Heine, der getaufte deutsche Jude – ist voll Liebe. Gott liebt den Menschen, und er möchte, dass dieser ihn auch liebt.

Vor deinem ganzen Volk will ich Wunder tun, wie sie nicht geschehen sind in allen Landen und unter allen Völkern, und das ganze Volk, in dessen Mitte du bist, soll des HERRN Werk sehen; denn wunderbar wird sein, was ich an dir tun werde. (2. Mose 34,10)

Die Gebote
Haben wir das Wunder der göttlichen Liebe schon erlebt? Vielleicht ist es gut beschrieben in der Geschichte vom Reichen Jüngling (Markus 10). Der kommt eines Tages zu Jesus und fragt ihn nach dem rechten Geist der Gebote. „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott. Wie gelange ich zum Reich Gottes. Wie erfülle ich den Willen meines Schöpfers?” Jesus antwortet ihm wie ein rabbinischer Lehrer: „Indem du die Gebote hältst.” – Der Jüngling erwidert: „Das habe ich doch schon getan; gibt’s da nicht mehr? – Da gewinnt Jesus den Jüngling lieb, und er sagt zu ihm wie ein philosophischer Lehrer: „Indem du alles weggibst, was du hast. Indem du weggibst, was dich von Gott trennt. Indem du den Reichtum verachten lernst und die Armut suchst, die Armut um des Reiches Gottes willen.”

…und der Verzicht
Mich hat dieses immer schon fasziniert – warum steht da an dieser Stelle „er gewann ihn lieb”? Was hat dieses Gefühl ausgelöst? – Es war das Erkennen, dass sich dieser junge Mensch nach Kräften gemüht hat, zu Gott zu kommen. Er hatte einfach den Schlüssel nicht. Er hatte die Leichtigkeit des Seins nicht (wie von Jesus in der Bergpredigt geschildert). Er hatte nicht die Erkenntnis, dass Gott erst hinter allem richtig Handeln zu finden ist, dass das Geheimnis Gottes die Liebe ist, die nichtgeschuldete freigebige Liebe. Und nun eröffnet Jesus ihm diesen Weg. Im Verzicht auf Alles liegt der Gewinn des Höchsten.

Wir entdecken in unserem Kirchenkreis in den nächsten Monaten nach und nach für uns die Wahrheit hinter der Taufe. Was ist das denn für ein seltsames Ritual – ein Kind über eine Taufschale zu halten und ihm dreimal Wasser über den Kopf zu gießen oder zu geben? Was ist der Sinn hinter diesem Familienfest, bei dem Großeltern und Verwandte, Freunde und Geschwister, Eltern und Kinder gemeinsam ein Lächeln im Gesicht tragen? Es ist eben das Geheimnis der freigebigen göttlichen Liebe, die uns in der Taufe zu Kindern Gottes macht.

Auf der Suche nach der wahren Liebe
Wir sind ja im Grunde auf der Suche nach der wahren Liebe, nach der Liebe unseres Lebens. Manche können sich mit diesem Gedanken nicht anfreunden, dass es sie gibt. Andere versichern steif und fest, ihnen sei sie schon begegnet. Die einen glauben nicht an Wunder. Die anderen haben es schon erlebt.
In einer Zeitung las ich neulich einen Test „Sind Sie bereit für die wahre Liebe?” – Zehn Fragen sollte ich beantworten. Danach wusste ich, dass ich irgendwie falsch lag mit meiner Art zu lieben. Ich sei doch ein wenig zu selbstvergessen. Das saß.
Ich nehme mit: es gibt nicht nur richtige Arten des Tuns der Gesetze, also des richtigen Lebens, sondern es gibt auch falsche Arten zu lieben, besonders wohl auch Gott zu lieben. Aber wie lieben wir richtig?

Indem wir wissen, wer wir selbst sind. – Ojee, wer weiß das schon? Wir kommen nicht um eine Art Gewissenserforschung herum, eine tägliche Übung, die uns nicht überheblich und selbstgewiss machen soll, sondern geduldig und friedvoll mit uns selbst.
Indem wir wissen, wer Gott ist. – Noch viel schwieriger zu wissen. Wir kommen nicht um die Übung des Gebetes herum, die uns Gott nähern hilft.
Indem wir das Gegenüber nicht auf einen Thron heben. – Interessant, das für Gott zu durchdenken. Ist nicht genau deshalb Jesus Christus geboren, weil Gott nicht auf einem Podest verehrt werden wollte, sondern in einem Stall?
Indem wir ausgeglichen leben mit Gott. – Was ist das anderes als im Einklang zu sein mit Gott, sich einzuschwingen in den Rhythmus von Hören und Sehen, Stille und Licht, Empfangen und Geben, Fragen und Schweigen.

Richtig lieben und richtig tun – das geht uns alle an.

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Kategorien: Allgemein

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