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Menetekel über Bayern
Von Karl-Otto Scholz | Samstag, 4. Oktober 2008

Bild: "Schloss Neuschwanstein" von "storem" auf Flickr.com
Gewogen und zu leicht befunden
Nun hat es auch die CSU in Bayern erwischt: Parteichef Huber ist zurückgetreten, Ministerpräsident Beckstein stellt sich nicht mehr zur Wiederwahl. Zu sehr sitzt der Absturz in der Wählergunst den Parteigranden in den Knochen. Die CSU hatte am letzten Sonntag 17,3 Prozent verloren. Was nun?
Wie der Sagenvogel Phönix steigt Ernährungsminister Seehofer nach den Enthüllungen um Zweitfrau und Baby aus der Asche der öffentlichen Schelte Bayerns, etwas zerzaust zwar, aber energisch und tatendurstig. Etwa ein Jahr Karriereknick hatte ihn der Seitensprung gekostet. Doch nun – erstaunlicherweise haben ihm Presse und Parteifreunde verziehen – startet er durch. Zuerst griff er – mit Stoibers Hilfe, so wird gemutmaßt – nach dem Amt des Parteivorsitzenden. Nun stellen sich immer mehr Einflussreiche hinter ihn und bewegen die Bezirksverbände zum Kotau vor dem Mann, der nach einer überstandenen Herzmuskelentzündung eigentlich etwas kürzer treten wollte. Er soll auch Ministerpräsident Bayerns werden und das Land südlich des Weißwurstäquators wieder zu einer Macht im Staate machen. Ob es ihm gelingt? Das bezweifeln viele.
Zu gewaltig sind die Umbrüche, die Bayern in den letzten Jahren erleben musste. Die Elite der Entscheidungsträger und Funktionäre ist durch – zugegeben – gute Wirtschaftsförderung in technisch fortschrittlichen Industriebereichen mehr als zukunftsorientiert. Die Zuwanderung vieler “Preußen” hat die Gewichte in der Bevölkerung verschoben. Law-and-order-Politik, wie sie noch Strauß und Stoiber betrieben haben und betreiben konnten, scheinen nun nicht mehr opportun. Der Geist der Aufklärung ist aus der Flasche. Und die katholische Kirche hat auch nicht mehr den Rückhalt und Einfluss vergangener Jahrzehnte und Jahrhunderte. Selbst der liebevoll kritische Blick der derben bayrischen Kabarettisten Hildebrandt, Polt und Jonas scheint nun Wirkung zu zeigen. Das ehemals ein wenig engstirnige Bayern des bierseligen Stammtischs wandelt sich in atemberaubendem Tempo.
Die SPD kann davon kaum profitieren. Die Parteienlandschaft ist sehr im Fluss. Protestwähler liebäugeln mit FDP (die puristische Besitzstandswahrungsvariante) oder Freien Wählern (die programmatisch kaum greifbare, ländlich verortete Variante). Ja selbst Grüne gehören mittlerweile zum geduldeten bayrischen Parteieninventar. Bei der CSU herrscht darüber Katzenjammer. Niemand weiß, ob die Wähler, die 2008 eigentlich nur Huber und Beckstein weghaben wollten, jemals wiederkommen werden.
Eines zeigt die Wahl ganz deutlich: die Bürger Bayerns hören nicht mehr auf die Stimme des Priesters auf der Kanzel. Der Einfluss der katholischen Kirche errodiert im selben Tempo wie der der CSU. Dazu sind beide Kräfte im Freistaat zu sehr verbandelt. Was das für die Zukunft des Katholizismus in Deutschland bedeuten wird, ist noch nicht abzusehen. Häme von protestantischer Seite verbietet sich übrigens – der scheidende Ministerpräsident Beckstein ist evangelisch-lutherischer Franke.
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Kategorien: Allgemein
Tags: Bayern | Landtagswahl
