« An eine Vergessene | Home | In der Einsamkeit des Mondes »
Das Büßerhemd hat keine Taschen.
Von Karl-Otto Scholz | Mittwoch, 19. November 2008

Bild: "noodle soup" von "streetpreacher83" auf Flickr.com
Gomorrhaleute
Am Bußtag sollte man sich fragen: habe ich noch die richtige Richtung vor Augen, habe ich noch ein Ziel, bin ich noch unterwegs? Jesaja, der Prophet des 8. vorchristlichen Israel, hat den Reichen und Einflussreichen seiner Zeit, die sich in Bereicherungsdenken und Standesdünkel verrannt hatten, ins Gewissen geredet (Jesaja 1,10-17). Er nennt sie alle miteinander „Sodomspack” und „Gomorrhaleute” – finsterer kann man andere Menschen nicht mehr schmähen. Gott selber habe – so Jesaja – kein Interesse mehr an ihren zur Schau getragenen Lippenbekenntnissen und Meineiden, den mit allerlei Räucherwerk vernebelten Finten und Ränkespielen ihrer Politik, ihrer Raffgier und ihrer Machtgeilheit. Uns stockt der Atem, wenn wir diese Worte lesen oder hören. Da wagt ein Mann Gottes eine religiöse Rede und beginnt mit einer Beschimpfung des Publikums.
Publikumsschelte
Das hat nach ihm auch Peter Handke in seinem erste Sprechstück gemacht. Er wollte damit seiner Ablehnung der in den 1960er Jahren vorherrschenden Theaterformen und ihrer Themen Ausdruck geben und das Nachdenken über das Theater selbst fördern. Insbesondere das Geschehen zwischen Darsteller und Publikum bei einer Theatervorstellung stand im Zentrum seines Interesses. So machte es Jesaja im Grunde auch. Er wollte wissen wie das Verhältnis von Gott und Mensch ist, er wollte wissen, wie sein Publikum tickte.
Die Reaktion muss gewaltig gewesen sein: Gomorrhapack – Sodomsleute. Wer will schon gerne so bezeichnet werden? Das ist vergleichbar wie wenn jemand sagt: ihr habt doch alle irgendwie eine St.Pauli-Mentalität. Bei dieser Rede geht es ans Eingemachte. Bist du im Kern wirklich Gott zugetan? Meinst du es wirklich gut mit den Menschen um dich rum? Lebst du wirklich nicht erst deine Gier aus, sondern versuchst, gerecht zu teilen? An der Gerechtigkeit hat es sehr gefehlt in der Zeit Jesajas, aber sind wir soviel besser?
Das Pendel schlägt aus
Die Kurve des deutschen Aktienindexes DAX ist normalerweise ein gleichmäßiges Auf und Ab. Mal ist die eine Firma gefragt, mal die andere. Seit Beginn des Jahres kennt der DAX nur eine Richtung, nach unten. Jahrelang wurde selbst armen Schluckern Hoffnung gemacht, sie könnten ihr Eigenheim abbezahlen (an sich doch ein schöner Zug der Banken). Die Hypothekenverträge nahmen zu. Viele beliehen ihr Haus nicht nur mit dem Abtrag, sondern kauften einen Fernseher oder eine Schrankwand. Man wollte auch mal in Urlaub fahren. Alles mit geliehenem Geld. Eines Tages begann das Pendel kehrtzumachen. Immer mehr der einfachen Leute konnten das Geld nicht mehr zurückzahlen. Die `Schwäbisch Hall´s der USA blieben auf den Bergen an Schuldverträgen sitzen.
Das Geld, was jetzt den Banken fehlt, ist im Grunde ausgegeben worden. Damit wurde die Bauindustrie bezahlt, oder die Fernseherfabriken in Korea. Aber niemand ist mehr da, die Schulden zurückzuzahlen. Jetzt schauen die Banken in die Röhre, der Staat muss helfen, will er aber nicht so gern – denn alles Geld, was jetzt zur Rettung der Industrie (Opel) und Bankenwelt aufgebracht wird, muss eines Tages von den Kindern zurückgezahlt werden.
Wer ist Schuld?
Eine interessante Frage – gerade am Buß- und Bettag. Man hat das Gefühl, es gingen seit Monaten viele Manager und Banker in Sack und Asche. Oder wünschen die einfachen Leute nur sehr gern, dass sie es täten? Bereuen sie vielleicht gar nichts? Horrende Gehälter wurden in den oberen Etagen in den letzten Jahren empfangen. Man wirft ihnen Gier vor. Was kostet die Welt? So soll es an den Börsen der Welt Champagner geregnet haben, und Kaviar wurde mit großen Löffeln gegessen, und die Bootswerften konnten sich vor Aufträgen nicht mehr retten – ein Schiff größer als das andere. In der Egomanie einer abgehobenen Gesellschaft derer, die an den Futtertrögen saßen, wurde auf die arbeitende oder arbeitslose Bevölkerung herabgeschaut. Die Teppiche in den Büros dämpften den Lärm der Straße. Im Maybach ließ es sich schön durch die Landschaft gleiten. In Monaco war man unter sich.
Zerfallende Gesellschaft
Man ist es im Grunde heute noch. Die Gesellschaft zerfällt immer mehr in die Besitzenden und die Habenichtse. Selbst wenn mal ein Milliardär wie Herr Merckle jetzt Probleme bekommt, weil er sich mit VW- Aktien verspekuliert hat, was nützt es denen, die ihren Kindern immer weniger gönnen können. Eine Gesellschaft verliert ihre Mittelschicht – die USA haben es vorgemacht. Nun geschieht es auch in Deutschland. Die Kirche kann nicht mehr tun, als immer wieder Solidarität anzumahnen. Aber es scheint, als verhalle ihre Rede ungehört.
Der schweizerische Ober-Banker Josef Ackermann – immerhin er hat Mut und traut sich was – mahnt seine Arbeitskollegen in den Vorstandsetagen, sie sollten maßvolle Gehälter aushandeln. Im Augenblick ist es opportun, in Sack und Asche zu gehen. Was aber ist in einem Jahr? Die Medienwelt hat nur ein sehr kurzes Gedächtnis. Wenn Gras über alles gewachsen ist, dann kann die Gier wieder hervorlugen aus dem Büßergewand. Gegen eine grundlegende Überwachung der Banken- und Industrielandschaft verwahren sich schon wieder einflussreiche Verbände. Die Schockstarre war nur von kurzer Dauer. Nun gilt es zu retten, was von der Überflussgesellschaft zu retten ist. Das Publikum sieht staunend zu.
Das Büßerhemd aber hat keine Taschen.
Vor Gott stehen wir ohne Rückversicherung da. Richtige Buße schielt nicht auf das Vergessen des Richters, sondern auf Resozialisierung, auf Verhaltensänderung. Damit aber scheint es schlecht bestellt.
Da ist eine österreichische Bischöfin, Frau Gertraud Knoll, die ihre protestantische Kirche verlässt. Warum? Weil diese in immer rechteres Fahrwasser gerät. Jörg Haider – der radikale Nationalist und Populist – wird nach seinem Unfalltod mit 2 Promille und 140 in einer Ortschaft als Heiliger verklärt. Niemals! Gertraud Knoll will in solcher Kirche nicht mehr sein. Sie büßt nicht, sie betet nicht, sie streitet – für eine gerechtere und menschlichere Kirche.
Da ist ein Volk im Kongo, von marodierenden Söldnern aus den Häusern verjagt, von Brandschatzern und Vergewaltigern und Totschlägern gejagt wie Hasen. Hunderttausende sind auf der Flucht. Bundespräsident Köhler ruft die Europäische Gemeinschaft zu einem Auslandseinsatz auf. Ein Völkermord droht. Wieder einmal. Kann sich der reiche Kontinent aufraffen, Menschen zu helfen, die nichts mehr haben als ihr Leben?
Ich will keine Lippenbekenntnisse und keine lauten Sonntagsreden – ich will, dass ihr umkehrt – so predigt Jesaja im Namen Gottes. Wenn ihr Buße tut, dann sollt ihr nicht am nächsten Tag in den alten Trott verfallen. Lernt Gutes tun! Trachtet nach Recht und Gerechtigkeit. Das Wort gilt natürlich Profiteuren und Glücksrittern, Marodeuren und Söldnern genauso wie humaitären Predigern und Gutmenschen. Grundsätzlich gilt der Aufruf zur Buße allen Menschen. Denn Buße meint im Kern ganze glaubhafte Hinwendung zur Urquelle der Gerechtigkeit – zu Gott selbst.
Sucht nach Gerechtigkeit
Das ist auch uns in Deutschland aufgegeben. Wir müssen wieder nach der Gerechtigkeit suchen, die Spaltung der Gesellschaft überwinden. Es ist gut, dass es im Augenblick Menschen gibt, die sich in der Einbecker Tafel engagieren, aber im Grunde ist es die Linderung eines Misstandes! Die Suppenküchen müssen verschwinden in Deutschland. Wir dürfen uns nicht an sie gewöhnen. Warum? Weil doch wieder alle Arbeit haben sollen und gerechten Lohn. Die Suppe muss doch am heimischen Tisch schmecken und nicht in einem Speiseraum. Alle Diakonie ist doch Nächstenliebe aus der Vorläufigkeit. Im Grunde aber sollen alle Platz haben am Tisch des Herrn – und satt werden sollen sie alle. Jesaja sagt: helft den Unterdrückten und schafft den Waisen Recht, führt die Sache der Witwen. An den Schwächsten der Gesellschaft muss sich die Politik orientieren. Nicht immer mehr Golfplätze braucht das Land, sondern Spielplätze.
Ist der Bußtag wirklich der Rückzugsraum der gläubigen und betenden Seele? Ist er nicht vielmehr der Tag, an dem Gerechtigkeit im öffentlichen Leben eingeklagt werden muss? Was der 1. Mai den Arbeitern, das muss der Bußtag der Kirche sein, ein Tag zum Mahnen in einer gottvergessene Gesellschaft. Auch das eine Vorläufigkeit. Unsere ganze Existenz eine Vorläufigkeitsexistenz. Im Grunde sollen wir alle im Glauben an die Nähe Gottes leben.Ist das geträumt? Wir sehen, wie eine Gesellschaft verfallen kann in der Krankheit einer allein ichbezogenen Spaßkultur, die zur Gier entartet und zur Bereicherung. Gott aber will Heilung – nicht am St. Nimmerleinstag wie man den Jüngsten Tag einmal nannte, weil einem der Glaube fehlte, sondern heute. “Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet, verstockt euer Herz nicht” (Hebräer-Brief 3,15).
Von Jesaja lernen wir: Gott will Gerechtigkeit im Volk, denn sie ist die Quelle des Friedens. Und was hat man vom Messias (Jesus) am meisten ersehnt – dass er ein Gerechter ist und ein Helfer. Aber hiermit schauen wir schon über den Horizont – hin nach Weihnachten.
Ähnliche Beiträge:
- Umverteilung
- Rettung durch die Nabelschnur des Bruders
- Die Hoffnung auf gerechte Herrscherkunst
- Mensch, wo bist du?
- Faszination und Erschrecken
RSS-Feed: Jetzt abonnieren ![]()
Kategorien: Allgemein
Tags: suppe
