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Oase von Joghurt und Körnerbrei
Von Karl-Otto Scholz | Mittwoch, 25. Februar 2009
Ich wühle mich durch die vielen Zettel an meinem Kühlschrank, er ist ja auch Erinnerungshilfe und Kommunikationsplaner. Dann greife ich entschlossen an die Tür und öffne. Das Licht geht an. Mein Blick wandert über die Milchtüte und die Ketchupflasche, hakt sich ein in die Box mit dem herrlichen Comte-Käse. Wehmut überkommt mich. Meine Fettzellen trauern und stimmen einen Klagegesang an:”Muss das wirklich sein?” Mein Kopf donnert ihnen ein entschiedenes „Ja, es muss sein” entgegen.
Mein Kühlschrank wird in den kommenden Wochen eine Oase von Joghurt und Müslibrei werden. Zwischen den Mahlzeiten (drei? maximal!!) ein Stück Schokolade? Nein, das ist politisch nicht korrekt. Aber Banane und Apfel sind erlaubt. An Fleisch kommt allenfalls Fisch auf den Tisch. Ich mache Ernst, sehe auf meinen Gürtel, den ich in der Zeit vor Ostern enger schnallen will. Ob es gelingt? Manchmal packt mich doch die Angst vor der eigenen Courage. So schnell von null auf hundert nur noch vegetarisch leben – ich glaube, das kann ich nicht. Aber wenigsten gesünder essen, bewusster essen, ja auch „tierlieber” essen, das habe ich mir vorgenommen.
Das machen viele gerade. Die einen wollen dem Weihnachtsspeck zu Leibe rücken, kaufen sich „Brigitte”, „Allegra” und „Fit for fun”, dreißig Liter Mineralwasser und sonst nichts. Die anderen machen Jahresurlaub, gehen vier Wochen ins Kloster, betrachten Tisch, Bett und Schrank und sonst nichts. Das bewirkt eine Konzentration auf das Wesentliche und eine Besinnung auf das Eigentliche. Dagegen ist nichts zu sagen, das könnte jedem gut tun. Der Islam hat seinen Ramadan, die protestantische Kirche ihre Fastenaktion „Sieben Wochen ohne”. Von Jahr zu Jahr mehr Menschen schließen sich zu einer großen unsichtbaren Fastengemeinde zusammen. Sie legen vor sich selbst und anderen zwar kein förmliches Gelübde ab, wollen aber dennoch ein Zeichen setzen für bewussten Umgang mit Sehnsüchten und Abhängigkeiten.
Die Wohlstandsgesellschaft entlässt ihre Kinder … ins Fasten. Ist das kein Rückschritt? Sollten wir nicht froh sein, satt zu essen zu haben? Verhöhnt man nicht mit eigenem Fasten den notgedrungenen Hunger der Armen? Diese Fragen lassen sich nicht einfach ausräumen, sollten aber den ernsthaft Entschlossenen nicht abschrecken. Jede Handlung provoziert schließlich ihre Kritiker, und die Kritik hat nicht immer Recht. Beim Fasten geht es nicht daraum, Gott zu gefallen. Ich glaube, über diesen mittelalterlich klingenden Standpunkt sind wir längst hinaus. Das Fasten soll den Blick weiten für die Kreatürlichkeit menschlicher Existenz. Alles, was wir essen, ist uns von Gott geschenkt – wir sollen verantwortlich damit umgehen. Zweitens: im Fasten entdecken wir vielleicht, dass wir nicht vom Brot allein leben, sondern eben auch vom Wort Gottes. Drittens gehen wir gerade in der Passionszeit eine Wegstrecke mit Jesus mit, werden zu einem Jünger oder einer Jüngerin, versuchen zu ergründen, was dieser Jesus von Nazareth für uns ist. Das Fasten ist darin ein Miterleben der Passion Jesu, wenn auch nur in einem bescheidenen Maß.
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