« Pius-Debatte: Stimmen für ökumenischen Kurs mehren sich | Home | Mit Gott auf Augenhöhe »
Die Welt wird uns zu klein
Von Karl-Otto Scholz | Montag, 30. März 2009
Ein bekanntes Lied im Evangelischen Gesangbuch ist “Kommt, Kinder, lasst uns gehen” von Gerhard Tersteegen. Er lebte von 1697 bis 1769 am Niederrhein, war erst Kaufmann, später Bandwirker und zog sich in die Abgeschiedenheit zurück. Er wollte in der Anschauung Gottes leben, also Gott ein- und ausatmen, in immerwährendem Gebet ihm dienen. Er hatte einen rigorosen Lebensstil, den wir so heute nicht mehr nachvollziehen. Bleibend aber sind seine vielen schönen Lieder. Davon ist dieses Pilgerlied eines der schönsten.
Er nennt darin seine Mitchristen, denen er dies Lied gewidmet hat, seine Kinder. Das bezieht sich auf das Wort Jesu: “Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr das Gottesreich nicht erlangen.” Leben heißt für Gerhard Tersteegen Gotteskindschaft und eben Pilgerweg. Der Abend kommt herbei: also der Tod kommt. Aber, fürchtet euch nicht: das Ende ist gut! Der, der alle ruft – heimruft sozusagen – ist der väterliche Gott, der einlädt zum unbedingten Vertrauen in seine Wege. Das Ziel der Pilgerschaft ist das himmlische Jerusalem: Leben ist eine Wallfahrt zum Gottesberg, zum Zion, zum heiligsten Tempel Gottes.
Wir merken beim Singen des Liedes, wie Gerhards Sprache rund um die Botschaft der Bibel kreist, wie er in jedem Halbsatz das Evangelium zur Sprache bringt. Er tut es, um seinen Lesern zu sagen: hab keine Angst, du bist behütet, bist geborgen in Gottes Hand.
Nur durchs Sterben (Vers 3) kann man sich Gott nahen. Das Sterben hat hier einen doppelten Sinn. Der natürliche Leib stirbt, dann aber auch der innere Mensch, der in seiner Eingebundenheit in die Dinge der Welt sterben muss. Tersteegen meint: Mache dich frei von den Reichtümern oder auch den Sorgen der Welt. Mache dich frei von allem, das dich an all das Vorläufige binden will. Du bist auf Gott hin erschaffen und nicht hin aufs Sorgen und Sammeln. Sterben beginnt mitten im Leben, und das Sterben ist nicht Verlieren, sondern Neues gewinnen, vor allem aber ist es die Liebe des Vaters.
Sind wir allein auf dem Weg? Nein (Vers 6) – der Vater im Himmel geht immer mit – wie in Psalm 23 „Der Herr ist mein Hirte” – der Seufzer kommt von Herzen „ach ja wir habens gut”. Haben wir es gut? Begreifen wir unser Leben als Weg, den wir nicht allein gehen? Gott selbst, der uns Hand in Hand (Vers 7) wandern lässt, der uns womöglich einen Boten/Engel sendet, der uns die Hand reicht – wohl auch stellvertretend durch Menschen?
Das Leben ist kurz – der Weg „kürzt ab” (Vers 9), geht immer schneller zu Ende, je weiter wir es geschafft haben. Die Dringlichkeit eines entschiedenen Lebens wird von Tersteegen angemahnt. Es reicht nicht, mal eben auf die Schnelle Gott zu entdecken. Das ewige Gut lässt sich nur in steter Betrachtung entdecken. Seine Liebe will in lebenslangem Zusammensein mit dem himmlischen Vater erfahren sein. „Die Frommen” – bei Tersteegen kein flapsiges Wort, sondern Ehrenbegriff, werden heim kommen zum Vater. Die anderen? Der rheinische Lieddichter lässt diese Frage offen.
Nicht offen lässt er das Genießen der Freude am Ende des Weges: „wie wohl wird’s tun” (Vers 10). Der erschöpfte Pilger wird endlich den Ort des Friedens finden. Jerusalem ist ja in den Bergen gebaut, die symbolische Pilgerreise also führt also in die Höhe(Goethe hat es später im Faust verdichtet, Gustav Mahler noch später in einer Symphonie verlautmalt). Nicht ohne Widerstände ist das Leben, nicht ohne Zu-Mutungen, also Gelegenheiten, in denen wir Mut beweisen müssen, nicht ohne Prüfungen, nicht ohne Leid und Trauer. Doch dieses alles ist eingebunden in einen höheren Sinn, eben die Pilgerschaft, die nicht eine Kreuzfahrt im 5-Sterne-Schiff bedeutet, sondern mühseliges Stolpern und Wanken auf steinigem Weg. Das Wort „müh-selig” sagt es im Grunde auch: die verheißene Seligkeit erlangt man durch mühevolles Steigen.
Wenn es denn so ist, so sollen alle, die dieses Lied singen, denken, „drauf wollen wir´s wagen. Die Welt ist uns zu klein, wir gehen von Ewigkeit zu Ewigkeit. Und am Ende die Losung: Jesus! Tersteegen denkt natürlich an Kreuz und Auferstehung.
Welt – du bist uns zu klein. Welcher Gedanke hat jemals grandioser ausgedrückt, was das Sterben ist und wofür sich die Auferstehung lohnt?
Ähnliche Beiträge:
- Totentanz im Brautkleid
- Internetroman “Rogate” / 7
- In der Einsamkeit des Mondes
- An eine Vergessene
- Mit Bodyguard auf unsicherem Weg
RSS-Feed: Jetzt abonnieren ![]()
Kategorien: Allgemein
Tags: Engel | Friedhof | Gergard Tersteegen | Pilgern | Tod

