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Vokabular des Ungewöhnlichen I: Erinnerung und Verwandlung
Von Karl-Otto Scholz | Sonntag, 13. September 2009
Ein Denkmal ist ein Mal des Denkens, vielmehr ein Ort des Gedenkens. Menschen denken an besonderen Orten, die sich unterscheiden von Plätzen und Räumen des allgemeinen Aufenthalts.
Das Wort „Mal“ weist auf die besondere Stellung des Gedenkortes. Dabei wird etwas gestellt, quasi in den Weg gestellt, um dem Denken Vorschub zu leisten. Etwas Hemmendes tritt dem Menschen in seinen vorgesehenen Weg und lenkt ihn ab. Ein klassisches Paradox: indem es hemmt, leistet es Vorschub – das Innehalten fördert das Denken.
Das Gedenken unterscheidet sich auf elementare Weise vom gewöhnlichen Gebrauch des Denkens. Im Gedenken wird der Mensch geführt zum Gedanken. Der Gedanke ist nicht etwa nur die kleinste Einheit des Denkens, sozusagen sein Buchstabe, der erst in der Verkettung zum eigentlichen Denken heranreift. Der Gedanke beinhaltet auch eine moralische Kategorie, nämlich die des Dankes, der Würdigung.
Wofür und wem wird gedankt im Gedenken? Einem Einzelnen, der herausragt aus dem gewöhnlichen Sein des Menschen oder seiner Gruppe, der sich verdient gemacht hat in Wort oder Tat. Würde hat die Tat an sich und für sich, doch ist die Würdigung auch der Akt des Dankens und Gedenkens, der der Tat und der sie vollbringenden Person durch das Publikum der Betroffenen zuwächst.
Betroffener ist der eigentliche Adressat der guten Handlung, darüber hinaus aber auch die unsichtbare Gemeinschaft der gesamten Menschheit, die in ihm, dem Denkmal auf die Handlung hingewiesen wird. Die Weisung erfolgt stetig und überzeitlich in alle Zukunft.
Das Denkmal vertritt in eigener Autorität und Instanz das übergeordnete Interesse dieser unsichtbaren Gemeinschaft der Betroffenen. Ein Denkmal will aus neutralen Beobachtern Betroffene schaffen. Es ist insofern schöpferisch, als es nach dem Akt des Gedenkens den Menschen nicht so belässt, wie er vordem war. Er verändert sich im Prozess des Denkens, Nachdenkens, Gedenkens und Dankens.
Gibt es neutrales Beobachten? Indem der Mensch sieht, wertet er schon. Er kann das Gesehene nicht unbewertet lassen, er qualifiziert es auf sich hin. Er kann nicht anders, als alles auf sich zu beziehen. Diesen Bezug deutlich zu machen, fördert ein Denkmal.
Im Grunde weiß der Mensch schon, dass er ein wertendes, moralisches, vielleicht sogar religiöses Wesen ist. Von sich aus und aus sich heraus beginnt er mit der Schaffung besonderer Orte, die er aus dem Allgemeinen heraushebt. Sie werden ihm wichtig. Er möchte besondere Orte qualifizieren, möchte an ihnen das Besondere von Welt, Zeit und Sein aufzeigen.
Die Zeichenhaftigkeit des Denkmals steckt schon in der Besonderheit des Ortes, an dem nämlich etwas Besonderes geschehen ist. Dieses Abgesonderte von allen anderen profanen Orten unterstreicht das Mal. Es ist die zweite Ebene der Zeichenhaftigkeit, wirkt wie ein Ausrufezeichen hinter einer besonderen Aussage. Es verstärkt die Beziehung des Betrachtenden zum im Denkmal Gemeinten.
Was es meint, soll nicht übersehen werden. Es soll haften bleiben in Erinnerung. Es macht sich im Akt des Betrachtens auf den Weg in das Innere des Betrachters. Und dieser Weg des Erinnerns bewirkt die Verwandlung.
Ein Denkmal erinnert zuweilen auch an das Opfer. Stellvertretend für alle anderen wird eines Einzelnen oder einer Gruppe von Menschen gedacht. An seiner/ihrer Stelle könnten auch die Betrachter des Denkmals dieses Schicksals teilhaftig geworden sein. Insofern sind sie “für” die anderen stellvertetend – sie sind für sie eingetreten. Hierbei ist der Gedanke der Erwählung bestimmend. Im Denkmal wird ihres Erwählungsgeschickes gedacht. Sie wurden (zufällig?) erwählt, für die anderen zu stehen. Im Opfer fiel ihnen das Geschick des Todes zu, sie haben es für die anderen übernommen.
Wer opfert, für was geopfert wurde und worin die Stellvertretung begründet sein könnte – es erschließt sich nicht immer aus dem an dieses erinnernden Denkmal. Aber die Kraft des Gedenkens geht durch die Sinnlosigkeit des Opfers nicht verloren. Ja, fast könnte man sagen: je sinnloser das Opfer desto nachdenkenswerter das Denkmal. Hierbei ist jene Sinnlosigkeit gemeint, die durch die “Täter” an den “Opfern” verbrochen wurde. Die Gebrochenheit des Opfers führt zu einem weiteren Impuls der Verwandlung beim Betrachter. Dieser Impuls lässt ihn den Vorsatz ergreifen, niemals als Täter zu handeln. Das Denkmal führt also zu moralischem Handeln. So ist z.B. das Holocaust-Gedenkmal in Berlin zu verstehen (Foto).
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Kategorien: Allgemein
Tags: Denkmal | Erinnerung | Verwandlung

