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Kirchgang in Kummerow
Von Karl-Otto Scholz | Dienstag, 8. Dezember 2009
Leider gibt es diese Tendenz, Ausgetretene wie Straffällige zu behandeln, denn Kirchenaustritt ist Sünde – meinen jedenfalls die prinzipientreuen Kirchenältesten und auch manche Pfarrer. Natürlich könne man dieses Verhalten nicht gutheißen, aber vielleicht finde ja der eine oder andere später einmal wieder zu seinem Herrgott zurück – so die vielleicht zu naive Überlegung. Besondere Rückgewinnungsanstrengungen aber unternimmt die Kirche im Ganzen eher nicht. Dazu haben die Pfarrer auch keine Zeit, müssen sie ja den verbliebenen Gemeindemitgliedern eine attraktive Kirche bieten – und das ist schon schwierig genug. Die hohe Hürde bei Kirchenfernen zu überwinden, scheint fast unmöglich.
Überraschend aber, was die Theologen Johannes Zimmermann und Michael Herbst kürzlich bei einer Präsentation ihrer Umfrageergebnisse in Greifswald als neueste Erkenntnis präsentierten: die Kirche solle Menschen nicht auf ihre jetzige Distanziertheit Gott und dem christlichen Glauben gegenüber festlegen. Wer heute Kirchenskeptiker sei, der könne morgen durchaus wieder gläubig werden. Denn Bekehrungen erlebten vor allem Ältere ab der Lebensmitte über 40 Jahren. Besonders der Kontakt zu anderen engagierten Christen sei entscheidend für eine neue Hinwendung zum Glauben, aber auch der ganz normale traditionelle Gottesdienst biete Chancen, ein Gottesdienst, der Raum zum Nachdenken biete.
Sagen wir es deutlich: der ganz normale Gottesdienst zeichnet sich weder durch trendige Gospelklänge aus noch durch entertainige Animation noch durch alkoholische Cocktails, die die traurige Gegenwart beschönigen helfen. Nein, der traditionelle protestantische Gottesdienst ist mehr Überwindung des inneren Schweinehundes als Mitgerissensein einer suchenden Seele. Die Gemeinde singt getragene Töne, die Lektorin liest uralte Geschichten und der Pastor predigt nicht unter 15 Minuten. Dazu die Orgel, die dem Ganzen einen Hauch „Kirchgang in Kummerow“ verleiht. Nichts modern Zeitgeistiges eben.
Was also lieben Menschen an der Kirche, gerade wenn sie sich, älter und reifer geworden, Gott nähern und ihre Bekehrung erleben? Womöglich gerade diesen Atem der Ewigkeit, der die weiten Räume einer Kirche durchweht. Gott wohnt in jenem Hauch, der so anders ist als das Gedröhne der Welt. Am Sonntag in der Kirche – da ist Ruhe für manche geschundene Seele.
Was kann man noch aus der Studie lernen, die aus einer Befragung von 462 Menschen erwuchs? Menschen erleben bei anderen Menschen den Glauben, und nur das überzeugt sie. Wenn andere zur Kirche gehen, dann geht man selbst auch mal gerne mit. Bedenklich stimmt aber: die Hälfte der Gott-Überzeugten hat Abitur. Liegt es an der besseren Sprachfähigkeit der Christen, liegt es an ihren kommunikativen Fähigkeiten, die eine religiöse Einstellung begünstigen? Liegt es an dem Bildungskanon der Bibelgeschichten, die gekannt und gekonnt werden müssen, um Gefallen an Gott zu finden?
Manches ist so überraschend, dass die Kirche gut daran tut, sie nicht nur zur Kenntnis zu nehmen, sondern auch für den Alltag fruchtbar zu machen. Den Gottesdienst als Schutzraum der Seele verstehen – Menschen in ihrem Freundeskreis oder Verwandtschaftskontext ansprechen – Bekehrung auch für stille Nachdenkliche benennen – Glaubensschritte mit kirchen- und bildungsfernen Schichten mitgehen – Räume für Nachdenklichkeit gestalten.
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Kategorien: Allgemein
Tags: Bekehrung | Gottesdienst | Kirchenferne | Religiosität


Donnerstag, 24. Dezember 2009 um 13:58 Uhr
Und dann sind da noch diejenigen, die aus der Kirche ausgetreten sind, nicht weil sie den Glauben an Gott verloren hätten, sondern weil ihr Glaube sich (“unsagbar”) gewandelt hat, und darin die offiziellen kirchlichen Lehren ihnen nicht genügend Raum zu geben scheinen für die Art (und Nähe) des Geschenkes, Gott zu “erfahren”.
Nicht immer hadern sie mit der Kirche. Es soll sogar vorkommen, dass sie sich im Advent oder Weihnachten auch mal in die Kirche schleichen, nicht aus Sentimentalität, sondern im Bewusstsein ihrer (religiösen) Wurzeln der Ankündigung und Geburt des Ewigen (nun anders erlebend) in einem gemeinsamen Gottesdienst gedenken wollen. Glaube braucht wohl auch manchmal Gemeinschaft.
Gottesdienst – Wer dient da wem? Ich finde es schön, diese Frage nicht beantworten zu können.
Ihnen, lieber Karlo, wünsche ich gesegnete Weihnachten.
Freitag, 25. Dezember 2009 um 11:15 Uhr
Lieber “Noah”,
die protestantische Dogmatik kennt den offenen Diskurs. Jede durch die Bibel fundiert begründbare Aussage, kann auf den Prüfstand gestellt werden. Vor allem glaubensstärkend sollte es sein, oder um es in der Sprache der Reformatoren zu formulieren, “alles, was Christum treibet” ist Thema in der protestantischen Kirche.
Eine enge, unfreie Kirche ist abzulehnen. Vom Geist Christi gewirkte Gotteserfahrungen sind zu suchen und zu begrüßen.
Warum also aus der Kirche auswandern? Warum an Weihnachten in die Kirche “schleichen”. Es muss sich doch niemand für seine persönliche Frömmigkeit schämen. Im Gegenteil.
Viele Pastorinnen und Pastoren freuen sich über “ernsthafte Gottsucher” und führen gern Gespräche mit ihnen. Ich gehöre auch zu ihnen.
Herzliche Weihnachtsgrüße, Karlo Scholz
Montag, 28. Dezember 2009 um 19:38 Uhr
Vielen Dank, lieber Karlo, für die positive Antwort.
Wenn manchen Menschen Bibel und Christus – bei aller gebliebenen, hohen Bedeutung – nicht mehr allein (oder klar wesentlich) im Zentrum ihres Glaubens stehen, so ist es vielleicht der Respekt vor dem Glauben jener, für die dies wohl nach wie vor noch so ist; ein Respekt, der möglicherweise als ein “Schleichen” in die Füße fährt.
Herzliche Grüße!
Donnerstag, 18. Februar 2010 um 16:32 Uhr
Lieber Karl-Otto Scholz,
seit langem bin ich regelmäßiger Leser deines Blogs, der mir oft aus dem Herzen spricht. Manchmal so sehr, dass ich eigentlich nur noch einen link auf deine Artikel setzen würde!
Das habe ich nun getan angesichts des Programms unserer Landeskirche “Missionarisch Volkskirche” sein. Ich freue mich auf weitere gute Artikel von Dir.
Herzliche Grüße aus dem Rheinland!
Sonntag, 21. Februar 2010 um 10:48 Uhr
Lieber Knut, ich freue mich über Ihr Lob.
Danke für Ihren Link auf meine Seite, ich werde dies auch im Gegenzug tun. Wir arbeiten ja am selben “Thema”.
Herzliche Grüße ins Rheinland, Ihr Karlo Scholz
Montag, 6. Dezember 2010 um 12:25 Uhr
Lieber Pastor Scholz,
zufällig haben wir Ihren Beitrag vom 24. Juli 2010 im Internet gefunden. Ihre Gedanken zu unserem Lichtobjekt ‘black-cross- negative’, welches im Kunstmuseum Celle zu sehen war, haben uns sehr berührt. Eine interessante Auseinandersetzung mit Kunst und Religion. Viele Dank dafür.
Herzliche Grüße
von molitor & kuzmin
Künstlerduo
Samstag, 19. Februar 2011 um 12:06 Uhr
Danke für die Rückmeldung. Ich würde gern einmal Ihre Ausstellung besuchen.