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Muezzins Ruf vom Kirchturm

Von Karl-Otto Scholz | Freitag, 29. Januar 2010

Bild: "Across the bay" von "maistora" auf Flickr.com

Kunst soll überraschen und verblüffen. Kunst soll verfremden. Kunst soll die Gedanken hinführen zum “Was-wäre-wenn”. Kunst soll Neues wagen.

Was aber wenn die Kunst zunächst nicht als Kunst erkannt wird. Wenn simuliert wird, was anderswo schon ein Skandal war. In der Schweiz hat man den Bau von Minaretten an muslimischen Gotteshäusern verboten. Ein großer Streit um den wahren Weg zur Toleranz-Kultur brach los. Ist sogar bis nach Deutschland geschwappt. Also- was wäre, wenn der Ruf eines Muezzins, eines islamischen Vorbeters, durch die Straßen einer normalen (hauptsächlich katholischen) Stadt in Deutschland schallen würde. So dachte sich die Berliner Künstlerin Miriam Kilali – und schritt zur Tat.Vom Kirchturm der Mainzer Antonius-Kapelle kann man sowohl Glocken als auch gesungene Koransuren hören. Multikulti in 20 Meter Höhe.Verwirrung macht sich breit unter den zahlreichen Passanten und Anwohnern. Geht das? Darf man das? Was ist das überhaupt?

Wie gesagt – Kunst darf das, wenn die Kunst Kunst ist (also brav bei der Gemeinde und dem Bischof angemeldet ist). Es ist klar, was bezweckt wird: die Toleranz unter Christen und Muslimen soll gefördert werden. Ein wenig Jerusalemer Flair breitet sich aus über Mainz. Geprobt wird das Nebeneinander zweier Hochreligionen, besser das Miteinander, denn wenn der Muezzin vom Kirchturm rufen dürfte, dann doch die Sonntagsglocke womöglich auch von einem Minarett.

Noch gibt es den muslimisch-christlichen Dialog nur zwischen Experten. Das gemeine Volk geht sich eher scheu aus dem Weg. Dass muslimische Schüler und christliche voneinander lernen, ist noch eher selten. Also trifft man sich wohl eher beim Rap oder Rhythm and Blues in der Disko als im jeweils anderen Gotteshaus.

Miriam Kilalis verblüffende Klanginstallation schafft da schon eher Schneisen für einen echten kulturübergreifenden Dialog. Was zum Ohr eingeht, wird eher auch über das Herz wahrgenommen.Was sagen die ersten Zeugen der Aktion? Sie reagieren geteilt darauf: manche schimpfen, andere wenden sich ab, wieder andere halten inne und verarbeiten die Verblüffung zum Erlebnis. Dieser Erlebnischarakter stellt die größte Chance der Kunstaktion dar – so schnell verschwindet der Gedanke nicht mehr: ist es wirklich unerträglich Glocke und Muezzin zu hören?

Touristen in Tunesien, Marokko oder Syrien scheren sich übrigens wenig am eher blechernen Klang der Billig-Lautsprecher an den Minaretten. Für sie ist es Teil der Erholung: das Fremde reizt sie, stößt sie nicht ab. Vielleicht ist die Debatte um die Minarette doch eher ein Sturm im Wasserglas. Denken wir doch einfach mal das Unbekannte – Maghreb und Orient mitten in Europa. Muslime sind unter uns – längst schon.

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Kategorien: Allgemein

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