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Zwei Bettler im Schatten des Höchsten

Von Karl-Otto Scholz | Sonntag, 21. Februar 2010

Bild: "Mendigando aos Santos" von Luciano Dinamarco auf Flickr.com

Er sitzt im Schatten des Heiligen. Hinter sich, in einer Nische des großen Eingangsportals, hat er drei Einkaufstüten gelagert. Sie sind vollgestopft mit seinen Habseligkeiten. Sie quellen schier über, so als wolle er alles, was ihm gehört, auch immer mit sich tragen. Er hat eine speckige graue Hose an, vom langen Sitzen in irgendwelchen Einkaufspassagen ganz abgewetzt. Darüber einen dunkelroten Pullover. Darüber eine Regenjacke, wie man sie irgendwo mal schnell kaufen kann.

Er sitzt im Schatten des Heiligen. Er hat sich einen besonderen Platz ausgesucht heute. Das Eingangsportal zum Erfurter Dom. Über sich – und über dem gewaltigen eichenen Tor – gehalten von mächtigen Stahlbändern und Riegeln – sind die Heiligen der Kirche in Stein gemeißelt.

Er sitzt im Schatten des Heiligen. Vielleicht – so kommt mir, dem Fußgänger auf dem Weg zum Dom und vielleicht sogar frommen Pilger für eine Stunde, so vor – vielleicht ist er gar, ohne zu wissen, der geheime Wächter dieses Abbildes des Himmels. Vielleicht hat Gott ihn an diesen Platz bugsiert, um zu prüfen, wie sich denn die Frommen, die die Nähe Gottes suchen, dem Ärmsten gegenüber verhalten.

Jesus saß auch einmal so am Portal des Jerusalemer Tempels und beobachtete die Pilger: „Seht, rief er den Jüngern zu, dort geht eine arme Witwe. Seht wie sie Geld in den Opferstock tut. Seht ihr das? Sie hat gerade zwei kleine Münzen hineingelegt, ihre ganze Habe für einen Tag. Wie viel aber hat sie wirklich geopfert? Eine ganze Welt.“

Am Portal zum Himmel, dieser Platz ist nicht so ohne. Angeblich wacht Petrus über die Himmelspforte. Und mancher, so will es die Legende des Witzes, wundert sich über die seltsamen Fragen des Wächters. Und manchmal wundert sich Petrus selbst, was denn wohl die Seelen der Verstorbenen alles mit hinein nehmen wollen in den Himmel. In den seltensten Fällen sind es ihre Mühsale und Sorgen, die ihnen den Mund selbst im Augenblick des Todes zu einem Seufzen geöffnet haben. Meistens sind es eher materielle Dinge, auf die mancher eben nicht verzichten will.  An der Pforte entscheidet sich irgendwie das Leben, die Konsequenz mit der wir es lebten, die Richtigkeit des Entwurfes, auch ob wir etwas aus der Zeit, die Gott uns geschenkt hat, gelernt haben. So glauben wir. Und so ist es schon vor langer Zeit formuliert worden.

Hebräer 4:  Weil wir denn einen großen Hohenpriester haben, Jesus, den Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat, so lasst uns festhalten an dem Bekenntnis. Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit, sondern der versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde. Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben.

Er sitzt im Schatten des Höchsten. Über dem Kopf des Bettlers am Domportal zu Erfurt thronen nicht nur die zwölf Apostel. Darüber steht Jesus Christus, in der einen Hand das Buch der Wahrheit – die andere Hand zum Segen erhoben. Ich schaue ihn an und sehe plötzlich, dass seine Augen nach unten gerichtet sind – dorthin wo der Bettler sitzt. Ich werde plötzlich ganz klein in mir und erkenne – er scheint diesen armen Mann zu segnen. Warum? Weil er die reine Gnade, die reine Barmherzigkeit ist. Es ist keine Barmherzigkeit aus irgendeinem Zweck, keine Gnade, die an Bedingung geknüpft wäre (wie wir in unserem unbußfertigen Herzen manchmal meinen). Die reine Gnade, die reine Barmherzigkeit. Die Kraft, aus der Gott vorzeiten einmal die Welt erschaffen hat. Die reine Liebe.

„Oh Herr, lass mich auch in dem Schatten deines Segens sitzen“, bete ich unwillkürlich in diesem Augenblick des Erkennens. Ich schaue den Bettler an. Seine Brille, die ihm ein wenig von der Nase gerutscht ist, ist beschlagen. Auch er schaut mich darüber hinweg an. Für einen Sekundenbruchteil ganz ernst, als wolle er testen, ob ich seinem Blick, dessen, der seine Würde aus schierer Armut gewinnt, standhalte. Als er merkt, dass ich ihm frei ins Gesicht schaue, zieht ein Anflug von Lächeln durch seine Augen. Dann konzentriert er sich auf seine Bettelschale, eine, in der man sonst Tomaten kauft. Er nimmt sie in die Rechte und hält sie mir vor. Es sind einige kleinere Münzen darin. Die Großen hat er entfernt, vielleicht bekommt er auch nur 10er und 20er. Ich gebe ihm etwas. Wieviel? – soll man nicht verraten, nicht einmal selber wissen.

Plötzlich spricht er: „Aha sie wollen unseren Dom besuchen?“ „Nein – im Grunde unseren Herrgott“, sage ich. Er lacht unwillkürlich auf. „Ja – ohne Herrgott kommt man nicht aus.“ – „Nein, sage ich, ohne Herrgott kommt keiner aus.“ Und so stehen wir beide, der Bettler und der Reiche plötzlich in Gedanken vereint vor unserem Herrgott. Aus einer Laune heraus handele ich gut katholisch und sage:“Wissen Sie – eigentlich könnten Sie mir einen Dienst erweisen.“ „Welchen denn.“ – „Wenn Sie schon hier am Dom sind, dann können Sie für mich ein stilles Gebet sprechen. Wollen Sie das tun?“ – Und dabei schmunzele ich, der Pfarrer incognitio, ihn, den Wächter des Himmels incognito, aufmunternd an. „Klar, mache ich”, sagt er und faltet dabei seine Hände. Aber seine Augen schmunzeln wieder.

Jesus – denke ich beim Hineingehen – deine Zeichen sind wunderlich. Und: So lass mich nun Gnade finden vor deinen Augen in deinem Heiligtum.

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Kategorien: Allgemein

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Eine Antwort zu “Zwei Bettler im Schatten des Höchsten”

  1. Noah sagt:

    Komme nicht umhin, mal am Rande zu erwähnen, dass ich manche deiner Artikel mehrmals, immer wieder mal lese. Dieser, und der vorhergehende gehören dazu.

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