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Zoff auf der Großbaustelle
Von Karl-Otto Scholz | Donnerstag, 27. Mai 2010
Da war mal eine Riesenbaustelle: Babylon, Tigrisufer 1. Ein Turm sollte es werden. Von Gott aus gesehen, nur ein Türmchen. Tausende Arbeiter schufteten auf der Baustelle, Krane gab es noch nicht so raffinierte wie heute. Viel Muskelkraft. Und dann – in der Mitte der Bauzeit – plötzlich der Zusammenbruch des Projektes: Bauherr und Arbeiter sprachen nicht mehr von derselben Idee. Die Bauarbeiter – aus alle Herren Ländern zusammengetrommelt – verstanden sich nicht. Dazu die Lohngefälle: Bauarbeiter aus Babylon beanspruchten einen anderen Lohn als die zugelaufenen Fellachen aus Arabien. Die Inder – wieder ein anderes Problem – machten mit ihrem Fleiß den Akkord kaputt. Auf der Turm-Baustelle gab es Zoff.
Overloading. Das Projekt war zu groß. Das Geld verebbte, der Bauherr forderte Unmögliches, der Architekt verzweifelt, die Bauarbeitergewerkschaften machten , was sie wollten. Und dann der Notfallplan: das Militär muss eingreifen. In ihrer Wut zerstörten die Männer ihre eigene Baustelle. Sprachverwirrung nennt das die Bibel. Babel – die verwirrte Stadt. Symbol gewordenens Himmelstreben – Großmannssucht – am Ende „kleine Brötchen backen“. Sind alle unsere Projekte zu groß? Ist die Sache mit Homo Sapiens vielleicht ganz aus dem Ruder der Evolution gelaufen. Überfordern wir gar den ganzen Planeten mit unserem Getriebe? Im Golf von Mexiko stirbt gerade ein ganzes Ökosystem. Aus Schlamperei. Aus Dusseligkeit. Aus überzogenem Gewinnstreben, das außer Kontrolle geriet. Wo ist der Geist, der all die zerbrochenen Teile wieder zusammenfügt. Gibt es Hoffnung für uns und den Planeten?
Was für eine Verheißung: In den letzten Tagen, bevor Gott selbst auf der Bühne erscheint, also gerade dann, wenn die Verwirrung und Verwüstung am größten ist (siehe Offenbarung des Johannes!!) – dann soll der Geist über alle kommen. Der Geist – Tröster wird er auch genannt von Jesus selbst. Der Geist – ein Vertröster? Die Kirche – auch nur ein Vertröstungsinstitut?
Ist es das, was wir tun? Bauen wir Babeltürme aus Verlegenheit und Ratlosigkeit? Sind uns Vision und Hoffnung abhanden gekommen? Den Jüngern an Pfingsten ist nicht Vision und Hoffnung abhanden gekommen. Nein – sie haben sie erst an Pfingsten bekommen. Die Jünger an Pfingsten waren nicht berauscht, auch nicht berauscht von himmelsstürmenden Plänen. Sie – die aus aller Herren Ländern waren – fanden sich erst in der Predigt der Jünger zusammen. Und Petrus ruft nicht: „Auf lasst uns Ziegel brennen und Kathedralen bauen“ sondern er ruft: „So wisse nun das ganze Haus Israel , dass Gott diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zu unserem HERRN und Christus gemacht hat.“ Es geht ihm nicht um sichtbares Projektmanagement – es geht ihm um das innere Anerkennen eines Lebensfundamentes: „Christus ist mein Herr, der von Gott gesandte Heiland meines Lebens.“
Overloading ist die Folge, wenn Menschen nicht nach inneren Lebensüberzeugungen suchen, sondern nach äußeren Leistungserweisen. Overloading ist Mangel an Prioritäten und Gier nach Reizen. Overloading ist Neurose der Getriebenen und letztlich Eingeständnis der Ohnmacht. Am Ende standen die Babelmenschen vor den unvollendeten Mauern ihrer Träume. Was aber, sagt Petrus, wird Gott senden? Einen Geist über Greise und Jünglinge (er zitiert den Propheten Joel) – und dieser Geist lässt sie Visonen haben, Träume und Weissagungen. Es ist ein Geist, der den inneren Kompass wieder herstellt, ein Geist des inneren Menschen, nicht dessen, der Lifting und Botox braucht.
Die Kirche aber ist die Gemeinschaft derer, die den inneren Menschen in sich fördern wollen, die sich vom Geist Gottes ergreifen und prägen lassen. Und wenn Kirche ein Institut ist, dann eines, wo die Großen und die Kleinen ihre Seele entdecken lernen, also ihren inneren Menschen, der sich nicht in Äußerlichkeiten des Lebens aufhalten lässt, sondern unablässig sucht und forscht nach dem Sinn und Ziel allen Seins. Wir helfen uns gegenseitig, den Geist in uns zu entdecken und zu fördern. Darum graben wir nach gegenseitiger Nächstenliebe wie nach einem Schatz. Darum spannen wir einen Schirm der Diakonie über alle, die Hilfe brauchen, wie der Senfstrauch, der Schatten spendet. Darum entdecken wir die Schönheit des Lebens in den einfachen Dingen, so wie Jesus die Lilien auf dem Felde ansah.
Großmannsucht, Prassen, Gieren, mehr Schein als Sein, hektisches Jagen, zynisches Verachten aller Werte sind unsere Sache nicht. Da sollten wir uns verweigern. So hat sich auch Jesus verweigert. Man muss sich bekennen im Leben – wer es nicht tut, lebt falsch.
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Kategorien: Allgemein
Tags: Baustelle | Turm zu Babel | Verwirrung

