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Tragödie oder Freiheit – das ist hier die Frage
Von Karl-Otto Scholz | Freitag, 30. Juli 2010
“Wo Gott und Mensch zusammenstoßen, entsteht Tragödie.”
Das ist das Motto der diesjährigen Salzburger Festspiele.An 37 Tagen und 11 verschiedenen Spielstätten gibt es 191 Aufführungen in Oper, Theater und Konzert. Man erwartet in der Mozartstadt etwa 220.000 Gäste – ein gewaltiges Image-Projekt für eine mittelgroße Stadt. Nun also stehen die Götter im Mittelpunkt der Diskussion. Das Motto hat schon für Diskussionsstoff gesorgt. Der katholische Erzbischof in Salzburg Alois Kothgasser hat bereits seine gravierenden Vorbehalte angemeldet. Aus christlicher Sicht sei einer Gleichsetzung von Religion und Gewalt entschieden zu widersprechen. „Der christliche Gott ist ein Gott mit uns, nicht gegen uns“, stellte Kothgasser fest. Auch die Öffentlichkeit ist gespalten. Aber – was gibt es besseres für ein Festspieljahr als ein kontrovers diskutiertes Motto? Das erzeugt Rauschen im Blätterwald. Und selbst die Kirche ist dadurch in einer produktiven Diskussion.
Nun ist es unzweifelbar, dass die griechische Sagenwelt voll ist mit Blut, Leid und Tränen. Gerade die homerische Tragödie um Agamemnon, Paris und die schöne Helena, deren Dreiecksbeziehung in einen wahrhaft weltenzerstörenden Krieg um Troja mündet, stellt das Einmischen himmlischer (oder besser: olympischer) Mächte heraus. Griechische Götter gießen Öl ins Feuer, sorgen sich nicht um Versöhnung, wollen Unterwerfung, sind rachesüchtig und selbstverliebt. Menschen leiden ihr (fast schon vorbestimmtes Schicksal), können nicht heraus aus der ihnen zugedachten Rolle, werden Helden gerade erst im Untergang. Keiner, der ungeschoren davonkäme, selbst Odysseus nicht.
Wo Gott und Mensch zusammenstoßen, entsteht Tragödie. Tragödien sind klassische Theaterliteratur, haben schon immer Stoff für Opern geliefert, finden sich wieder auf Seite Eins bis Drei in den Zeitungen – bis heute. Im Scheitern gewinnt der Mensch Größe, das ist Tragödie. In manchen Rücktrittsgeschichten diesen Jahres lag Tragödientrauerflor über den Protagonisten.
Michael Köhlmeier hat für das Programmbuch der Salzburger Festspiele jenen Aufsatz verfasst, dem das Salzburger Festspielmotto 2010 entnommen ist. Er studierte Politikwissenschaft, Germanistik, Mathematik und Philosophie, schreibt Stücke, Hörspiele, Musik, Erzählungen, Romane und wurde mit seinen Nacherzählungen antiker Sagen und biblischer Geschichten bekannt. Er meint in einem Interview: “Der Christ sagt: Jesus ist Gott und Mensch in einer Person. Der antike Antagonismus Gott–Mensch wird in eine Person verlegt. In Jesus von Nazareth treffen Mensch und Gott aufeinander. Und wenn dessen Geschichte nicht tragisch ausgegangen ist, dann weiß ich nicht!”
Das aber ist tatsächlich die Frage: leidet in der christlichen Tradition der Bibel (besonders im Neuen Testament Jesus, im Alten der “Leidende Gottesknecht”) der Mensch an Gott, oder ist es nicht vielmehr Gott oder eben sein Vertreter, der an den irdischen Verhältnissen leidet? Es ist doch der vom göttlichen geist ergriffene, neugeborene und erhöhte Mensch Jesus, der von der irdischen Nomenklatura (Pontius Pilatus) gezüchtigt und gekreuzigt wird. Es scheint eher eine bittere Rachegeschichte zu sein. Die “Tantalusqualen” werden der Gottheit bitter heimgezahlt.
Köhlmeier weiter: “Für den Menschen ist ein Zusammentreffen mit einem antiken Gott selten gut ausgegangen.” – Replik dazu: Für Jesus geht das Zusammentreffen des sanftmütigen Propheten mit der römischen Obrigkeit nicht gut aus. Die Zeit der Götter scheint vorbei, die Zeit der Menschen ist gekommen. Diese olympischen “Götter” haben tatsächlich ausgedient; für sie ist kein Platz mehr in einem multipolaren Kosmos. Der Olymp ist einfach nur ein Berg, der Mythos zerstört. Der Gott jüdisch-christlicher Tradition wohnte noch nie irgendwo, hat eben keinen Platz, wo er sein Haupt hinlegen könnte, ist aber dementsprechend auch frei mitzugehen mit dem, der ihn braucht. Aus autochthonen Göttern wurde ein empathischer Gott. es bleibt die Frage, ob das Festspielprogramm in Salzburg diese Wandlung adäquat zur Sprache bringen kann oder in alten Klischees klamüsert.
Eher philosophisch denn religionshistorisch beschäftigt sich Köhlmeier mit der Moral und den Göttern, definiert seinen eigenen Begriff von Freiheit: “Der Begriff Freiheit verliert, wenn Mensch und Gott darin aufeinander stoßen, seinen Sinn.Freiheit setzt Gleichheit voraus. Wie sollte ich dem gegenüber, der mich geschaffen hat und der mich jederzeit vernichten kann, frei sein?” So als kennte er den biblischen Hiob nicht, in dem die Tragödie eines von Gott (dem antiken!) geschlagenen Menschen sich in einen titanischen Disput um die Gerechtigkeit Gottes auswächst. Hiob weiß um einen, der noch über dem in seinen Augen zu Unrecht rachedurstigen Gott steht (der so genannte “Erlöser”, der “Anwalt” im Prozess um die göttliche Gerechtigkeit. Hiob weiß, dass er im Grunde der moralische Sieger ist (auch ein Indiz für den von Menschen gewonnen Kampf um den Olymp). Und wenn er auch Gott nicht ebenbürtig ist (in Wahrheit ja dem ihm überlegenen Satan!), so besteht seine Freiheit dennoch in seiner unverlierbaren Würde. Die Gerechtigkeit verleiht Würde verleiht Freiheit. Größe entscheidet sich nicht an Macht, sondern allein in der Moral. Auch Gott untersteht der Moral – vertreten durch den (in jüdisch- rabbinischen Kreisen) so eminent wichtigen Begriff der Gerechtigkeit, also der Treue gegenüber dem universalen Moralkodex – so das Ergebnis des HIOB-Buches.
Im Kreuz Jesu, aufgerichtet von römischen Soldaten (den Macht-Habern der damaligen Zeit) wird dies deutlich. Moral siegt über Macht. Der erniedrigte Christus ist der eigentliche Sieger (Paulus deutet dies immer wieder an). Jesus tritt in Hiobs Fußstapfen, fordert den geltenden Gerechtigkeitsbegriff in seine Schranken (wer schuld ist, wird bestraft) und erweist sich in seinem Leidensgeschick als der “Erlöser” Hiobs, der um des Prinzips der Gerechtigkeit willen bereit ist, selbst als Gottes Sohn zu sterben. Am Ende triumphiert die Freiheit sogar über den Tod. Aber das ist eine andere Facette der Jesus-Geschichte.
Wo Gott und Mensch zusammenstoßen, da entsteht Freiheit müsste man sagen.
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Kategorien: Allgemein
Tags: Erlösung | gerechtigkeit | Götter | griechische Tragödie | Hiob | Jesus | Moral | Salzburg | Salzburger Festspiele


Samstag, 31. Juli 2010 um 08:10 Uhr
Noch vor wenigen Tagen saß ich im Raum der Stille in der Krypta des Salzburger Doms. Als ich den Dom verließ, machte ich ein Foto: Der Himmel über dem Salzburger Dom
Es schien, als wollte Gott augenzwinkernd das Motto über dem Festspielplatz vor dem Dom korrigieren. Wo Gott und Menschen zusammenstoßen, wird's ein bisserl heller.