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Paradies zu unseren Füßen
Von Karl-Otto Scholz | Mittwoch, 6. Oktober 2010
Liegt das Paradies hinterm Tunnel? Im Weiler Wiebrechtshausen, in einem Kloster dort, waren mal Nonnen beheimatet, haben gebetet und gearbeitet. Heute gibt es dort ein großes Gut der “Kleinwanzlebener Saat AG”, ein Global Player der Nutzpflanzenzüchtung. Herr A. – ein eloquenter bayrischer Landwirt, ein positiver, lustiger, kerniger Mann, in Wahrheit aber ein profunder Kenner von Natur und biologischen Systemen – verwaltet dort eine Ökosaatstation. „Wir versuchen hier unter anderem Maissorten zu züchten, die dem Landwirt die Möglichkeit geben, einen ökologisch bewirtschafteten Hof zu führen.“ Das ist nicht einfach, wir dürfen ja nicht speziell düngen, wir dürfen keine Herbizide spritzen. Wir dürfen nur kontrollierte Saaten ausbringen.“ In Gummistiefeln stehen wir, alle möglichen Leute aus Einbecks Umgebung, auf dem morastigen Acker. Es hat zulange geregnet, war zulange zu kalt – ein schwieriges Jahr dieses Jahr. Dennoch werden auch 2010 wichtige Erkenntnisse gesammelt: Forschung und Entdeckergeist treffen auf harte Arbeit. Beides gehört zusammen.
Es ist schwer, paradiesnah zu pflanzen, aber es geht tatsächlich. Trickreich müssen die Ökolandwirte sein, aufpassen müssen sie auf die Bodenerosion, der Ertrag ist auch geringer. Aber es lohnt sich. Ökologisch produzierte und vermarktete Produkte finden immer mehr Kunden. Da sind nicht nur die Professoren darunter oder die ängstliche Mutter, die ihren Kindern das Beste geben will. Nein, auch eine Hartz IV Empfängerin hat gezeigt: man kann ökobewusst leben, ohne Einschränkung.
Daneben gibt es natürlich auch die andere Landwirtschaft – die intensive, die gedüngte, die mit den modernen Saaten bei Zuckerrübe und Weizen und Mais – die kann nicht abgeschafft werden. In einer Diskussion betont ein Experte aus Frankfurt (ein Öko sozusagen): die Welternährung kann auf die Intensivlandwirtschaft nicht verzichten. Nur Ökolandbau ist eine Illusion, denn man hat ja nur den halben Ertrag. Aber Ökolandbau kann die Augen öffnen für neuartige Methoden, die gerade in Afrika und Asien und Südamerika, in ganz anderen Biotopen wichtige Impulse für eine angepasste Landwirtschaft geben kann. Alles für die Welternährung so zusagen – und das heißt: es darf nicht sein, dass täglich 28.000 Kinder an Hungers sterben. Aber was kann man tun, wenn nach einem 5% Minderertrag der Welt-Landwirte die Preise um 50% in die Höhe schießen? Arme Länder leiden – sie leiden sehr.
Das Paradies ist ganz weit weg. Die Welt lebt nicht in paradiesischen Umständen. Hat sie es jemals? In einer Ecke der Erde, die heute ziemlich entvölkert ist, im Süden der Türkei, im Norden des Irak, hat die Bibel das Paradies lokalisiert: an den Quellflüssen des Euphrat und Tigris, an Pischon und Hawila. Spannend ist, dass dort zuallererst Menschen Weizensorten gezüchtet haben, dass sie dort Plantagen anpflanzten, Dattelpalmen, Äpfel. Wann das war? Vor 11.000 Jahren. Lang ist her. Lange Zeit hatten die Menschen dort satt zu essen. Und dann war es vorbei. Manche Böden in jenen Landstrichen sind versalzen, gerade an den Strömen Euphrat und Tigris. Durch künstliche Bewässerung, durch Kanäle. Aus dem Paradies wurde Wüste. Schade. Aber lehrreich für uns. Man muss klug wirtschaften, aufpassen, dass die Natur nicht aus dem Lot gerät. An der Universität Beer Scheba hat man gelernt, mit wenig Wasser Felder zu bewässern ohne die Versalzung zu fördern.
Ist das Paradies unerreichbar? Stellen wir zu hohe Ansprüche? Die Bibel erzählt, Adam und Eva seien aus dem Paradies vertrieben worden – weil sie von Äpfeln naschten, die ihnen nicht zustanden. Danach wurden sie von Gott bestraft. Wessen Charakter durch Luxuswohlleben verdirbt, der muss seine Grenzen erkennen lernen. Unsere Grenzen: die Welt ist endlich, wir sind endlich, wir müssen sterben. Statt dass uns die Früchte in den Mund wachsen, müssen wir arbeiten. Da sind wir heute: ohne Fleiß kein Preis. Wie ist das mit der Dankbarkeit? – wenn man etwas geschenkt bekommt ohne die Alternative zu kennen, dann hat man kein Gefühl für Dankbarkeit, dann nimmt man es als etwas Selbstverständliches. Nur durch die Arbeit um den Lebenserwerb wissen wir, wie kostbar alles ist, dass alles einen Preis hat. Das gilt immer. Unsere Welt ist endlich – alles auf ihr hat seinen Preis. Wenn wir Industrieanlagen bauen, Energie gewinnen, wenn wir Phosphat abbauen, um Dünger zu schaffen, dann hat das einen Preis. Wussten Sie, dass das Phosphat in etwa einer Generation zu Ende geht. So ist es auch mit den natürlichen Ressourcen. Gesundes Wasser wird zum Luxusgut für viele Länder im Süden.
Die Welt ist gefährdet. Paradiesische Zustände suchen wir vergeblich. Und dennoch: fliegen wir einmal dorthin, wo der Mars ist. Zwei Jahre brauchen wir dafür. Und dann sehen wir diesen blauen Planeten – und es ist die einzige Insel des Lebens, die wir im schwarzen Ozean erkennen können. Wir würden das Wasser erkennen, die Weiten der Ozeane, den Hauch der Atmosphäre darüber. Und mancherorts grünbraune Stippen, wo die Kontinente sind. Eine winzige kleine Welt in den Weiten des Universums – unser von Gott zugemessenes Domizil, unser Paradies. Haben wir vielleicht die falschen Begriffe? Liegt das Paradies vielleicht doch unter unseren Füßen? Das Paradies, die Insel des Lebens?
In Wiebrechtshausen liegt ein Kloster. Hier wurde in vergangenen Jahrhunderten viel gebetet. Ein Ort mit geistlicher Ausstrahlung. Und dazu heute ein landwirtschaftlicher Betrieb, der versucht die Zukunft vorwegzunehmen. Die Zukunft – wie könnte sie aussehen? Die Erde – eine Heimstatt für 10 Milliarden Menschen – aber keiner muss hungern – und alle haben gesundes Essen auf dem Tisch. Das geht nur mit Achtsamkeit. „respect“ sagen die Engländer. Das ist vielleicht das Wichtigste, was wir kollektiv lernen müssen – Groß und Klein, Alt und Jung – Respekt vor der Natur, Respekt vor dem Menschen, Respekt vor Gott.
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Kategorien: Allgemein
Tags: Paradies


Samstag, 16. Oktober 2010 um 15:49 Uhr
Gute Gedanken. Danke.
Freitag, 22. Oktober 2010 um 13:30 Uhr
Danke, lieber Stefan.
Das “Paradies” existiert leider nur noch als Wallpaper oder als Fernreiseziel. Dabei symbolisiert es eher unseren Wurzelgrund in Leben, Denken und Handeln.
Sonntag, 24. Oktober 2010 um 16:51 Uhr
Vielleicht gelingt es manchen Menschen, sich mit diesem Wurzelgrund zumindest gelegentlich und zumindest für eine kurze Weile wieder zu verbinden. Wäre das nicht Grund genug, weiter an das Pardies zu glauben?
Samstag, 30. Oktober 2010 um 09:41 Uhr
Mit den Füßen auf der Erde, mit den Augen auf dem Antlitz des Nächsten, mit dem Herzen im Himmel – so stelle ich mir das vor.
Herztl. Gruß, Karlo