Archiv für Februar, 2010
Zwei Bettler im Schatten des Höchsten
Sonntag, 21. Februar 2010Er sitzt im Schatten des Heiligen. Hinter sich, in einer Nische des großen Eingangsportals, hat er drei Einkaufstüten gelagert. Sie sind vollgestopft mit seinen Habseligkeiten. Sie quellen schier über, so als wolle er alles, was ihm gehört, auch immer mit sich tragen. Er hat eine speckige graue Hose an, vom langen Sitzen in irgendwelchen Einkaufspassagen ganz abgewetzt. Darüber einen dunkelroten Pullover. Darüber eine Regenjacke, wie man sie irgendwo mal schnell kaufen kann.
Er sitzt im Schatten des Heiligen. Er hat sich einen besonderen Platz ausgesucht heute. Das Eingangsportal zum Erfurter Dom. Über sich – und über dem gewaltigen eichenen Tor – gehalten von mächtigen Stahlbändern und Riegeln – sind die Heiligen der Kirche in Stein gemeißelt.
Er sitzt im Schatten des Heiligen. Vielleicht – so kommt mir, dem Fußgänger auf dem Weg zum Dom und vielleicht sogar frommen Pilger für eine Stunde, so vor – vielleicht ist er gar, ohne zu wissen, der geheime Wächter dieses Abbildes des Himmels. Vielleicht hat Gott ihn an diesen Platz bugsiert, um zu prüfen, wie sich denn die Frommen, die die Nähe Gottes suchen, dem Ärmsten gegenüber verhalten. [Weiterlesen...]
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Immer wieder montags
Montag, 15. Februar 2010Montags hat der Bäcker geschlossen, der Friseur um die Ecke auch. Selbst die städtische Bücherei hat am Montag frei.
Dabei wollen meine Kinder gerade am Montag ein frisches Brötchen haben, und ich habe endlich mal Zeit für den Friseurbesuch. Aber ich stehe an verschiedenen Stellen vor verschlossener Tür. Ich habe selbst auch am Montag manchmal einen freien Tag. Manchmal. Aber ich erwäge, meinen freien Tag auf den Mittwoch zu legen. Da treffe ich in allen Geschäften und Einrichtungen jemanden an. Dumm nur, dass ich auch mittwochs eigentlich arbeiten muss. Das erwarten die anderen ja von mir. Ein Pastor hat immer Zeit. [Weiterlesen...]
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Evolution des Gottesdienstes
Sonntag, 14. Februar 2010Heute waren nur fünf Konfirmanden im Gottesdienst und eine treue Besucherin. Ich habe mich beschränkt auf Gebet, Lesung und Predigt. Ein Gottesdienst in kleiner Form also, aber was ist daran klein oder beschränkt? Gemessen an dem Anspruch des Predigers ist ein Raum, in dem sich sechs Gottesdienstbesucher verlieren, eine Anfechtung. Aber was ist der Anspruch des Predigers?
Soll der Gottesdienst ein gesellschaftliches Ereignis sein, aber hat er diesen Charakter womöglich längst verloren? Oder ist ein Gottesdienst eine missionarische Veranstaltung, aber wo wird dann die Neugier der Nichtmehr-oder-Nochnicht-Christen gestillt? Ist der Gottesdienst die Stunde der Ruhesucher, aber suchen diese sie bald ganz woanders? [Weiterlesen...]
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O Falladah, die du hangest!
Montag, 1. Februar 2010Ad Memoriam 30.1.1933
EIN PFERD KLAGT AN
Ich zog meine Fuhre trotz meiner Schwäche
Ich kam bis zur Frankfurter Allee.
Dort denke ich noch: O je!
Diese Schwäche! Wenn ich mich gehenlasse
Kann ‘s mir passieren, daß ich zusammenbreche.
Zehn Minuten später lagen nur noch meine Knochen auf der Straße.
Kaum war ich da nämlich zusammengebrochen
(Der Kutscher lief zum Telefon)
Da stürzten aus den Häusern schon
Hungrige Menschen, um ein Pfund Fleisch zu erben
Rissen mit Messern mir das Fleisch von den Knochen
Und ich lebte überhaupt noch und war gar nicht fertig
mit dem Sterben.
Aber die kannt’ ich doch von früher, die Leute!
Die brachten mir Säcke gegen die Fliegen doch
Schenkten mir altes Brot und ermahnten
Meinen Kutscher, sanft mit mir umzugehen.
Einst mir so freundlich und mir so feindlich heute!
Plötzlich waren sie wie ausgewechselt! Ach, was war
mit ihnen geschehen?
Da fragte ich mich: Was für eine Kälte
Muß über die Leute gekommen sein!
Wer schlägt da so auf sie ein
Daß sie jetzt so durch und durch erkaltet?
So helft ihnen doch! Und tut das in Bälde!
Sonst passiert euch etwas, was ihr nicht für möglich haltet!
Text: Bertolt Brecht / Musik: Hanns Eisler
Zitiert nach Ernst Busch: bertolt brecht – Legenden, Lieder Balladen 1914-1924.
Aurora 5 80 025/26. Erstmals erschienen 1967.
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