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Das Manna und die Zivilisation

Von Karl-Otto Scholz | Freitag, 18. März 2011

Bild: "Fig Fennel Flax Manna Bread" von "veganbaking.net" auf Flickr.com

Eine Meditation über Exodus 16

Dieses Nachdenken über einen der Schlüsseltexte der Jüdischen Bibel ist mehr ein Herantasten an die vielen ihm innewohnenden Aspekte. Niemand kann für sich in Anspruch nehmen, er verstehe ganz, was dieser Text (und eben auch die vielen anderen) im Ganzen der biblischen Theologie bedeuten. Der Verästelungen sind zu viele, die Andeutungen und Anspielungen fordern eben auf, über das Ganze nachzudenken. Dabei ist das Nachdenken eher ein Nachspüren, wie wenn einer versucht einer Fährte treulich zu folgen.
Das Ganze der Bibel – es ist eher zu denken als ein neuronales Deutungsnetz – als ein Verweissystem, das immer neue Formen des Gesamt-Denkens hervorbringt. Vielleicht ist daher das Wort von der Gesamt-Schau treffender. Denn der Bibelleser wird eher zum Schauen eingeladen als zum Verstehen. Dieses Schauen aber gelingt besser, wenn man zuvor viele Male versucht hat zu verstehen! Dementsprechend findet man sich beim Lesen der Bibel nicht sosehr in einem Hörsaal wieder, als vielmehr auf einer Bank am Waldesrand, die den Blick freigibt auf Täler und Auen der biblischen Landschaft. Wer mag, kann den Weg der Betrachtung mitgehen. Sie beansprucht eher die Reminiszenz als die Evidenz.

1Von Elim zogen sie aus und die ganze Gemeinde der Israeliten kam in die Wüste Sin, die zwischen Elim und Sinai liegt, am fünfzehnten Tage des zweiten Monats, nachdem sie von Ägypten ausgezogen waren.

Elim war eine Oase mit 12 Wasserquellen und 70 Palmen wie es heißt. Dort haben die Israeliten sich ausgeruht nach dem Schilfmeerwunder. Nun geht es weiter Richtung gelobtes Land. Sie brechen also schon auf von einem Stück Paradies. // Sechs Wochen nach dem Auszug aus Ägypten beginnt die Sabbat-Woche, also die paradiesische Woche, die Woche, in der Gott die Menschen versorgt. Der Gedanke ist: selbst in der Wüste wird das Leben dem Menschen zum Paradies, wenn Gott ihn versorgt.

2 Und es murrte die ganze Gemeinde der Israeliten wider Mose und Aaron in der Wüste. 3 Und sie sprachen: Wollte Gott, wir wären in Ägypten gestorben durch des HERRN Hand, als wir bei den Fleischtöpfen saßen und hatten Brot die Fülle zu essen. Denn ihr habt uns dazu herausgeführt in diese Wüste, dass ihr diese ganze Gemeinde an Hunger sterben lasst.

Das Murren zieht sich wie ein roter Faden durch die Exodus-Geschichte. Es ähnelt hierin dem Unverständnis der Jünger Jesu, die nicht begreifen wollen, dass dieser der Messias ist. Hier ist es der Unglaube, Gott könne sein Volk nicht schützen und versorgen. Die Schriftsteller dieser Geschichte gehen sogar noch darüber hinaus: sie lassen das Volk sagen, es habe in Ägypten an „Fleischtöpfen“ gesessen, eine dreiste Übertreibung. Woanders wird es nur das Sklavenhaus genannt, also das Haus, in dem die Knute regiert. Und weiter sagen sie, Moses habe sie hinausgeführt, um sie jämmerlich in der Wüste untergehen zu sehen. Aus dem Retter wird in der Unterstellung der Teufel. Schlimmer geht es nicht mehr.  Die Steigerung dient dazu, das Wunder hinterher noch mehr leuchten zu lassen.

4 Da sprach der HERR zu Mose: Siehe, ich will euch Brot vom Himmel regnen lassen, und das Volk soll hinausgehen und täglich sammeln, was es für den Tag bedarf, dass ich’s prüfe, ob es in meinem Gesetz wandle oder nicht. 5 Am sechsten Tage aber wird’s geschehen, wenn sie zubereiten, was sie einbringen, dass es doppelt so viel sein wird, wie sie sonst täglich sammeln. …

Am sechsten Tag (mitdenken: der siebten Woche!) will Gott ein Wunder tun. Es ist der Sabbat der Sabbatwoche.

… 13 Und am Abend kamen Wachteln herauf und bedeckten das Lager. Und am Morgen lag Tau rings um das Lager. 14 Und als der Tau weg war, siehe, da lag’s in der Wüste rund und klein wie Reif auf der Erde. 15 Und als es die Israeliten sahen, sprachen sie untereinander: Man hu? Denn sie wussten nicht, was es war. Mose aber sprach zu ihnen: Es ist das Brot, das euch der HERR zu essen gegeben hat.

Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht. Das Mirakel der himmlischen Speisung wird konterkariert durch das neuerliche Zurückschrecken der Moses-Leute. Sie entdecken und begreifen den Rettungsplan Gottes nicht, weil sie ihn nicht begreifen wollen.
Brot ist mehr als nur irgendein Lebensmittel. Es ist das Nahrungsmittel der neuen Zeit (siehe: neolithische Revolution). Es braucht gemeinschaftliches Arbeiten, vorausschauendes Denken, baut eine gedankliche Brücke zur Zivilisation, die aus der Zivil-Gesellschaft geboren ist. Brot ist Machtinstrument! Je mehr Brot – desto mehr macht. Despoten wissen, wie man sein Volk beruhigt („Brot und Spiele“). Brot bedarf aber auch guten Wetters, für das Gott immer wieder gebeten werden müssen. Brot schafft Abhängigkeiten durch Besitzdenken („Feld an Feld reihen“. Brot gefährdet den sozialen Frieden, wenn es fehlt.

16 Das ist’s aber, was der HERR geboten hat: Ein jeder sammle, soviel er zum Essen braucht, einen Krug voll für jeden nach der Zahl der Leute in seinem Zelte.

“So viel er braucht” – der Gedanke der Sozialverantwortung, ja der Sozialverträglichkeit zieht sich schon durch die Bibel. Hierin drückt sich die Sehnsucht nach Ur-Kommunismus aus. Es gilt das Prinzip des „vor Gott sind alle gleich“. Prähistoriker entdecken hier die Erinnerung an die gemeinschaftlichen Runden am Lagerfeuer der steinzeitlichen Jägergemeinschaft. Das Paradies, das goldene Zeitalter, Verklärung der Vergangenheit – diese Sehnsucht hat viele Gesichter. Ja hier wird eben auch das ideale Israel und die ideale Kirche (Pfingstgemeinde!) abgebildet.

Sammeln darf ein frommer (chassidischer) Jude nicht mehr am siebten Tag – dann muss er ruhen!

17 Und die Israeliten taten’s und sammelten, einer viel, der andere wenig. 18 Aber als man’s nachmaß, hatte der nicht darüber, der viel gesammelt hatte, und der nicht darunter, der wenig gesammelt hatte. Jeder hatte gesammelt, soviel er zum Essen brauchte.

Es ist zu fragen, ob nicht in dieser und anderen Geschichten die Sozialgesetzgebung Israels nach dem mosaischen Kanon seine geistliche Legitimation erhält. Das so genannte “Sabbatjahr” regelt ja die Freilassung der Sklaven und Schuldknechte. Es schafft „Freiheit“. In paradiesischen Momenten des Lebens soll der Mensch Freiheit erfahren und erleben, auch Freiheit von der Sorge um das tägliche Brot.

Und: es geht nicht ohne eine Kultur des „Es ist genug!“  Egoistische Raffgier ist aggressiver Akt gegen den Nächsten, gegen die Gemeinschaft, beleidigt den Willen Gottes. Der Raffgier kann aber auch nur durch Überprüfen und Messen beigekommen werden.

In der Kultur der Verwaltung steckt ein Moment des Misstrauens. Die Welt ist eben nicht paradiesisch. Jeder ist sich selbst zuerst der Nächste. Diese Misstrauens-Kultur ist aber eben doch Kultur! Sie gebiert andere schöpferische Folgewirkungen des Menschen. Das Messen als neugieriges Vergleichen steckt in fast jeder Wissenschaft.

Man denke darüber nach: Brotverteilung braucht Staat. Auch die freiheitlich demokratische Grundordnung in Deutschland entstand erst nach der Katastrophe des Hitlers-Regimes – aus einem Impuls des Misstrauens gegenüber so genannten „starken Männern“. Aber sie schafft eben auch Freiheit, Gleichheit und womöglich Brüderlichkeit.

 

Mit in den Blick genommen sei die wundersame Brotvermehrung/die Speisung der 5000 in den christlichen Evangelien: dort hat Jesus die Rolle des Moses inne. Er führt die hörende Gemeinde (zuerst predigt er ja die Freiheit des Reiches Gottes!!) hinaus in die Einöde. Niemand muss mehr Manna sammeln – die Kirche bringt das gesegnete Brot zu den Menschen. Das Wunder wird zum zivilisatorischen Akt, denn Jesus/Gott wirkt das Wunder nicht mehr direkt – es wird vermittelt. Im vom Geist gewirkten Handeln der Kirche (wir nennen es heute „Diakonie“) wird das Wunder in der Geschichte erfahrbar. Es ereignet sich „unter der Hand“ und ohne dass gefragt werden müsste, wie es geschah.

Da die Speisung der 5000 ein Wunder ist, wird die sonntägliche „Nachfeier“, das Abendmahl, zum sich wöchentlich am heiligen Tag ereignenden Wunder. Die feiernde Gemeinde erinnert nicht nur an Moses und Jesus – nein, sie vergegenwärtigt das Wunderhandeln Gottes. Unter der Hand – im Weitergeben von Brot und Kelch geschieht dieses Wunder. Was ist der Sinn dieses neuerlichen Manna-Wunders / bzw. des Abendmahles? Gott setzt den Glaubenden zurück in den heiligen Garten Eden, ins Paradies – er macht ihn zu einem körperlich/geistig/geistlich freien Wesen. Die Freiheit ist der Sinn und das Ziel des Wunders. Im Umkehrschluss: alles , was der Befreiung des Menschen dient, was ihn aus der Knechtschaft führt, ist Teil des Wunders.

Gewagt gedacht: Insofern ereignet sich auch unter dem Handeln des Staates, wenn es der Freiheit des Menschen dient und ihn nicht in neue Abhängigkeiten führt, das Wunderhandeln Gottes. (So kann man Luthers Staatslehre deuten.)

Das Abendmahl ist die Feier der Freiheit. Das Abendmahl versetzt uns gedanklich ins Paradies, aber auch in die Wüste der Bewährung unseres Glaubens. Es macht uns frei zu sozialer Verantwortung für unseren Nächsten. – Wir sind es, die das Brot der Freiheit (aus)teilen sollen.

 

 

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Kategorien: Allgemein

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2 Antworten zu “Das Manna und die Zivilisation”

  1. Stefan sagt:

    “Das Ganze der Bibel – es ist eher zu denken als ein neuronales Deutungsnetz – als ein Verweissystem, das immer neue Formen des Gesamt-Denkens hervorbringt. Vielleicht ist daher das Wort von der Gesamt-Schau treffender. Denn der Bibelleser wird eher zum Schauen eingeladen als zum Verstehen. Dieses Schauen aber gelingt besser, wenn man zuvor viele Male versucht hat zu verstehen! Dementsprechend findet man sich beim Lesen der Bibel nicht sosehr in einem Hörsaal wieder, als vielmehr auf einer Bank am Waldesrand, die den Blick freigibt auf Täler und Auen der biblischen Landschaft. Wer mag, kann den Weg der Betrachtung mitgehen. Sie beansprucht eher die Reminiszenz als die Evidenz.”

    Das ist ganz großartig gedacht und ausgedrückt!

    (Und das wollte ich jetzt endlich mal loswerden.)

    Meinen Dank,
    und einen herzlichen Gruß!

  2. Karlo Scholz sagt:

    Danke Stefan.
    Und herzlichen Gruß zurück.
    Karlo

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