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Fast wie eine Partei
Von Karl-Otto Scholz | Dienstag, 31. Mai 2011
Die evangelische Kirche trifft sich auf dem Kirchentag – alle zwei Jahre – dieses Jahr in Dresden. Erinnern wir uns: Dresden war die Stadt, die als erste im untergehenden Honecker-Regime aufmuckte. Als die Züge der „Prager Flüchtlinge“ durch den Bahnhof fuhren, kam es zu Ausschreitungen, die Flamme der Freiheit, einmal entzündet, ließ sich nicht mehr löschen. Christen standen in vorderster Reihe – buchstäblich – bei den Montagsdemonstrationen in Leipzig und auch in anderen Städten.
Lang, lang ist´s her. Im Jahr 2011 bestimmen andere Sorgen als die Befreiung aus Despotie die Gesellschaft und die protestantische Kirche. Es sind zunehmend diese weltlichen Themen, die auf die Agenda des Kirchentages einwirken. Immerhin: das war schon immer so, dass die Protestanten sich auch Gedanken um ihr Leben in der Gesellschaft in der freien Demokratie, in Deutschland machen. Das gehört sozusagen zu den Genen des Kirchentages.
Dieses Jahr geht es besonders um die Zukunft der Atomkraft, die Integration von Zuwanderern und ein neues Verständnis von Wachstum. Sollten das nicht die Parteien diskutieren?
Die evangelische Kirche agiert fast wie eine Partei. Sie debattiert die gesellschaftlich oben auf liegenden Probleme, sie mischt sich ein, sie mahnt und ruft, ihre Pastorinnen und Pastoren predigen es von der Kanzel. Das bedauern die Evangelikalen und Enthusiasten, die lieber den Aufbau der Gemeinden im Blick haben möchten. Das bedauern die sich treu scharenden Bibelgläubigen, die allein dem Worte Gottes und weniger den Schaltplänen von Atomkraftwerken Priorität einräumen wollen. Die Kirchengeschichte ist voll davon: hier die, die sich einmischen und die Hände auch mal schmutzig machen, dort die Feinen und Reinen.
Kritisch zu fragen ist, ob die evangelischen Christen noch die Präsenz besitzen und die personelle Stärke, um der Gesellschaft mit ihren Ideen zu dienen. Leidet die Kirche eventuell an „Überdehnung“, also an Auszehrung ihrer Kräfte. Ein gesellschaftlicher Diskurs muss schließlich über Himmelfahrt 2011 hinaus geführt werden. Themen dürfen nicht „angerissen“ werden oder zu „versanden“ drohen.
Wünschen wir uns also einen länger anhaltenden Impuls vom Kirchentag, einen, der ausstrahlt in die Gliedkirchen und Gemeinden. Wünschen wir uns diese Diskurskultur für die Synoden und Kirchenparlamente auf allen Ebenen.
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Kategorien: Allgemein
Tags: Kirchentag


Freitag, 10. Juni 2011 um 15:20 Uhr
Lieber Karl Otto, die Kirchen sind sicherlich neben den politischen Parteien DIE gesellschaftliche Gruppe, in der solche Fragen diskutiert werden. Eine Vorreiterrolle haben sie aber meiner Einschätzung nach schon längst nicht mehr.(Hatten sie die jemals?) Die Anti-AKW Bewegung war nicht in erster Linie christlich motiviert. Irgendwie hängen wir Christen immer ein bisschen hinterher. Zu den ganz aktuellen Themen höre ich nichts. Frau Käßmann hat immerhin in ihrer Bibelarbeit die deutsche Zurückhaltung beim Libyen-Einsatz gelobt (Konnte sich aber wohl nicht dazu durchringen, unseren Außenminister dafür zu loben ;-) ), aber die Frage ist ja auch schon nicht mehr taufrisch.
Das ist nun mal so, und trotzdem ist es ja wichtig, dass die Kirchen und Kirchentage ein Ort solcher Diskussionen sein können. Ich war dort, und es waren beeindruckende Tage.
Liebe Grüße,
Uta