Rogate
Internetroman “Rogate” / 7
Mittwoch, 31. August 2011Nachmittags machten sich Viola und ihre Großmutter auf den Weg. Die steile Straße, die zum Friedhof führte, schien endlos lang zu sein. Die Sommersonne hatte sich in schwüle Hitze verwandelt. Kaum ein Baum spendete wohltuenden Schatten.
„Schau, bald sind wir da!“ Gisela von Seelen deutete auf das schmiedeeiserne Tor des Dorffriedhofs. Wie zwei Wachsoldaten standen ihm zwei Rotbuchen zur Seite. Eine hohe Bruchsteinmauer verbarg den Blick auf die Gräber.
Als die beiden die Pforte durchschritten, empfing sie eine angenehme Kühle. Hohe, alte Bäume gaben Schutz vor dem grellen Sonnenlicht, und behutsam nahmen sie die Besucher in Empfang. Viola schaute sich interessiert um. Aufmerksam registrierte sie die Gräber mit Büschen und Blumen. Einige waren wie die Miniatur einer Parkanlage gestaltet, an anderen schien niemand mehr Interesse zu haben außer den Insekten, die sich auf den wildwuchernden Pflanzen labten. Schweigend ging sie mit ihrer Großmutter die Wege entlang, die sich immer wieder verzweigten.
Das Mädchen las die Namen auf den Grabsteinen. Manche waren in glänzendem Marmor gemeißelt, andere in stumpfen, naturbelassenem Sandstein, bei einigen schlichten Holzkreuzen waren sie eingebrannt oder auf einer vergoldeten Plakette eingraviert. Namen, die einmal zu jemandem gehörten und hier bewahrt wurden. Ein Engel, der schützend seine Hand über ein winziges Blumenbeet hielt, ließ Viola anhalten. Eine bunte Windmühle steckte in der Erde, und ein kleiner Teddy lag verloren auf einem Blütenkissen. Der kleine Junge, so verriet es die Grabinschrift, war nur zwei Monate alt geworden. [Weiterlesen...]
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Internet-Roman “Rogate” / 6
Dienstag, 30. August 2011
Bild:"International Redhead Day 2010 - Internationale Roodharigen Dag 2010, Breda, Robin" von "Qsimple" auf Flickr.com
Als Gisela von Seelen ihre Mittagsruhe beendet hatte, ging sie zum Zimmer ihrer Enkeltochter. Nach kurzem Anklopfen steckte sie ihren Kopf durch die Tür. Ein Turban bedeckte ihre Haare.
„Darf ich stören?“
„Wie siehst du denn aus?“ Lachend schaute Viola zu der Alten.
„Ich hab mir meine Haare getönt. Dieses Mausgrau war mir einfach zu langweilig und was hast du gemacht?“ Wedelnd hielt sie ihr den Briefumschlag entgegen.
„Schau mal Oma, das lag in der Schachtel.“ Erstaunt nahm Gisela von Seelen das Kuvert an sich und öffnete es. Während ihre Augen das Geschriebene lasen, huschte ein Lächeln übers Gesicht, das kurz darauf in ein herzhaftes Lachen umschlug, um sich dann in ein nachdenkliches Schmunzeln zu verwandeln. Wie lange lag diese Botschaft wohl schon in der Kiste, ohne dass sie jemals Notiz davon genommen hatte? Mehr als vierzig Jahre waren wohl seitdem ins Land gegangen. [Weiterlesen...]
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Internet-Roman “Rogate” / 5
Freitag, 12. August 2011Im Haus der Großeltern schienen die Uhren anders zu gehen. Hier konnten die Stunden ihren Lauf nehmen, ohne dass ständig jemand an sie erinnerte. Die Freude, ihr einziges Enkelkind, ein paar Tage bei sich zu haben, war den Alten ins Gesicht geschrieben. Das Gezwitscher der Vögel drang durch die offene Tür, als wollten sie den Gast willkommen heißen. Viola trat hinaus, und die alte Linde auf dem Hof begrüßte sie mit ihren Ästen. Eine sechseckige Bank umschloss die Schöne mit den herzförmigen Blättern und bot etlichen Gästen Platz. Ein in die Jahre gekommener, altweißer Küchentisch mit passendem Stuhl stand in Richtung Garten und die fast eineinhalb Meter hohe Bruchsteinmauer zog sich schützend im Halbkreis um den Hof. Kübelpflanzen und Kräuter in Terrakottatöpfen verliehen ihm ein mediterranes Flair. Die fünfstufige Sandsteintreppe führte in ein kleines Paradies.
Violas Herz machte Luftsprünge. Ihre Zauberwiese war wieder da. Gräser und Blumen boten Schmetterlinge und Hummeln reichlich Nahrung. Rechts neben dem Tummelplatz der Summer und Brummer fanden Obstbäume ihre Heimat. Kirschen, Äpfel, Pflaumen, Quitten und Birnen standen in friedlicher Einheit, dahinter Gemüse, welches arg mit Schnecken zu kämpfen hatte. Dieser Garten war für Viola immer wieder spannend, obwohl er sich kaum veränderte. Nur die Jahreszeiten hüllten ihn in ein anderes Antlitz. Die Pferdekoppel des benachbarten Gutshofes und der Blick auf den entfernten Solling, all das gab es, solange Viola denken konnte.
Die Alten von Seelens waren nach Wolfgangs Pensionierung in das Haus seiner Ahnen gezogen. Bis vor elf Jahren lebten sie in einem vielbesuchten Pfarrhaus. Die ständige Präsenz und Öffentlichkeit lag, in aller Bereicherung sowie Beschneidung, hinter Ihnen. Sein fast 300 Jahre altes Geburtshaus sah Kinder aus verschiedenen Generationen. Viele Mädchen und Jungen betrachteten diesen Erdenplatz über die Jahrhunderte hinweg als ihr Reich.
Das Haus war sehr verwinkelt und seine Bewohner richteten sich, der Zeit und den Bedürfnissen entsprechend, ein. Der Atem des Anfangs wehte aber immer noch durch die Wände. Es gab viel zu entdecken. Im Keller roch es nach kalten Steinen. Viola kannte diesen Geruch nur von hier. Es war ein Gemisch aus Staub und Moder. Unbeschreiblich. Die Gänge waren niedrig und gewölbt. Hauptsächlich lagerte hier Wein, doch auch alte Bücher fanden hier Ruhe. Die Ferien versprachen etwas Besonderes zu werden. Hier erzählte jeder Baum, jeder Stein, jedes Möbelstück eine Geschichte. Ganz im Gegensatz dazu stand Violas Leben in der Stadt. Dort gab es nicht soviel Anreiz für Geschichten aus vergangenen Zeiten und die Uhr drehte sich dort irgendwie schneller. Zumindest hatte es für die Städter den Anschein. Oder waren vierundzwanzig Stadtstunden kürzer als vierundzwanzig Landstunden? [Weiterlesen...]
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Internet-Roman “Rogate” / 4
Donnerstag, 11. August 2011Rogate 4
Eine halbe Stunde später erreichten sie das Dorf der Großeltern. Die Luft wirkte hier weicher, und die Landschaft, die hinter jeder Kurve Neues offenbarte, hatte einen lieblichen Reiz.
Kathrin, Thomas und Viola von Seelen wohnten in einer geräumigen 70er-Jahre Mietwohnung. Dort gab es keinen Keller, keinen Dachboden und keinen Garten. Lediglich ein Carport bot Platz für Fahrräder, Mülltonne und diverse unbrauchbare Gegenstände. Ihr Stadtteil aber bot von der Apotheke bis zum Zahnarzt alles. Kinderspielplätze lockten mit Matschecke und Kletternetzen, für die vierbeinigen Lieblinge gab es Tobeplätze mit Hindernissparcour und die Senioren konnten sich an den Fitnessgeräten im Grünen die Gelenke geschmeidig halten. Angebote wie „Klassik für Babys“ oder „Rock´n Roll mit Rollator“ füllten die Anzeigeseiten. Gerade deshalb wollte sich die kleine Familie bald schon auf das Abenteuer Eigenheim einlassen.
Der Van bog von der Hauptstraße, die sich durch das Dorf zog, ab und erreichte in sanft ansteigendem Terrain den alten Ortskern. Dicke Kastanien hatten sich breit gemacht. Im Wind bewegten sich ihre Äste und Blätter, am schattigen Boden spielten Licht und Dunkel miteinander.
Eines der auf roten Sandsteinmauern fußenden Fachwerkhäuser gehörte Kathrins Schwiegereltern. Es war im Laufe der Jahrzehnte gebeugt worden, stand nicht mehr stattlich gerade, hatte den Charme einer alten Frau, die vielmals zum Wald gelaufen war, um Feuerholz zu sammeln. Doch die Jahre hatten das Haus auch geadelt. Es hatte mehr ein Zuwenig als ein Zuviel, predigte durch Schlichtheit und Anmut.
Man hatte es umgebaut und immer wieder wechselnden Bedürfnissen angepasst. Die mit Lamellenläden verzierten Fenster waren unregelmäßig in die Fassade eingebaut. Wie ein Adventskalender, der hinter den Türchen jeweils Neues präsentierte, machte auch das Haus im Ganzen neugierig auf die Räume, die sich hinter Holzbalken und Lehmgeflecht verbargen.
Das Portal war dunkelgrün gestrichen, was die Farbe der Fensterlaibungen aufnahm. Kleine weiße Scheiben leuchteten die dahinter liegende Diele aus. Kletterrosen rankten anmutig an einem Holzgitter empor. In goldenen Lettern stand auf dem Holzbalken über der Tür „AUF GOTT VERTRAUET HABEN DIESES HAUS GEBAUET LOUISE UND FRIEDRICH VON SEELEN- 1746“. Zum Eingang führten je eine linke und eine rechte Treppe, die aus Solling-Sandsteinen ausgeführt waren. Die nach oben sanft schwingenden Handläufe waren schwarzmetallen und durch Verwitterung und Neuanstrich mit der Zeit rau und blasig im Griff. Neben dem Haus, in gebührendem Abstand und ebenso alt wie dieses, wurzelte eine Eiche mit bemerkenswertem Umfang. [Weiterlesen...]
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Internet-Roman “Rogate” / 3
Freitag, 17. Juni 2011Rogate 3
Die Sonne am wolkenlosen Himmel versprach einen herrlichen Tag. Das nächste Blumenmeer winkte schon von Weitem. Riesige Sonnenblumen standen mit ausgebreiteten Blättern, wie eine Flora-Schutzpolizei, hinter ihren kleineren Artgenossen. Rosen, Löwenmäulchen, Lilien, Margeriten, Blumen in unterschiedlichsten Farben und Formen warteten auf eine schöne Vase.
Kathrin lenkte das Auto auf einen Seitenstreifen.
Ein struppiger alter Hut, eine verblichene grüne Jacke, darunter eine schmutzige, ausgebeulte Hose – mehr brauchte es nicht, um die Blumenliebhaber zu grüßen und die Krähen zu erschrecken. Ein Besenstiel steckte der Vogelscheuche in weiten Ärmeln. Sie schien die ganze Welt umarmen zu wollen.
Ganz anders wirkte der rustikale Holzstand, auf dem Bindfaden und Messer lagen sowie eine eiserne Kasse an einer Kette. Auf einer Platte war die Miniatur eines Prangers befestigt, zwei schmale Bretter, durch ein Scharnier verbunden, darin vier unterschiedliche kreisrunde Aussparungen, die dem genauen Bemessen der Dicke der Sträuße dienten. Ein Pappschild, mit krakeliger Schrift , ermahnte: `NUR BEZAHLTE BLUMEN BRINGEN FREUDE´.
Viola sprang durch die Rabatten, während ihre Mutter in die Auswahl der richtigen Blumen vertieft war. Das tat sie so, als gelte es einen Vortrag penibel vorzubereiten. Wer sie so sah, hätte nicht ahnen können, dass sie eher wie eine Getriebene war. Das Vorspielen der termingeplagten Besonnenen war ihr in Fleisch und Blut übergegangen. So bekam selbst Blumenpflücken bei Kathrin etwas Methodisches.
Nach einiger Zeit hob sie den Kopf und tauchte aus ihrer Selbstvergessenheit auf. Irgendetwas stimmte nicht. [Weiterlesen...]
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